Selbstversuch

Höchstens welche, die es sehr gut faken

Doris Knecht hält Austrofred für das richtige Signal


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 10/17 vom 08.03.2017

Ein 50. Geburtstag jagt den anderen. 50 werden ist, wie man sich denken kann, nicht so leicht. Also eigentlich ist es leicht, man kann einfach nichts machen und wird trotzdem 50, ob man will oder nicht. Meistens will man nicht, weil es vielleicht der beschissenste Geburtstag von allen ist; der, der markiert, dass man jetzt, egal, wie fit und attraktiv man sich gehalten hat, alt ist und noch schlimmer alt wird, unwiderruflich. Da braucht man sich nichts vorzumachen.

Die Menschen stellen sich dem Problem deshalb auf unterschiedliche Weise: Sie feiern gar nicht, sie feiern in weit entferntem Ausland, sie feiern groß und rauschend oder auf edel mit den 15 engsten Freunden.

In jedem Fall geht es darum, der grässlichen Tatsache, dass man jetzt also alt ist, die Spitze zu nehmen: Entweder indem man so tut, als sei man nicht 50, oder indem man so tut, als sei 50 eh super und ein Grund zu feiern. Wobei ich wirklich niemanden kenne, der Letzteres wirklich so empfindet. Beziehungsweise: Wer sagt, 50 ist super, dem glaub ich auch sonst nichts. Man tut nur so, weil das einerseits von einem erwartet wird und andererseits alles andere auch nichts bringt.

Untereinander reden wir viel darüber. Wie das so ist für einen. Wie man das empfindet. Wie man für sich einen Platz in der Welt der unter 50-Jährigen findet. Weil: Wenn man 50 ist, fühlt man sich eigentlich nie wie 50. Meistens nicht. Meistens fühlt man sich wie 35 oder Anfang 40, was die meiste Zeit okay ist, außer wenn man mit richtigen, original 35-Jährigen zusammen ist. Man bildet sich das wahrscheinlich ein, aber man glaubt immer, das brutale Mitleid zu spüren, das sie mit einem haben, weil man schon so alt sein muss.

Das einzig Gute daran ist: Man weiß mit großer Sicherheit, dass es ihnen, schneller als sie denken, genau gleich gehen wird. Dennoch bin ich letztlich lieber mit falschen 35-Jährigen zusammen, die auch so alt ausschauen wie ich, aber deswegen nicht weniger deppert sind. (Oder mit sehr viel Jüngeren, für die 35 und 50 so etwa gleich vergreist ist.) Es hat so eine latente Inkongruenz von Fühlen und Sein, von Realität und Illusion.

Ich hab von Leuten gehört, die diese beiden Ebenen übereinanderkriegen; kennen tu ich keine und keinen, höchstens welche, die es sehr gut faken. (Andere kämpfen um jede Ziffer. Ich kenne eine, die hat letzte Woche bei einer Fotogeschichte mitgemacht und bekam den Text vorgelegt. Bei dem Text stand dabei, sie sei 51. Sie fand diese Zahl so shocking, unrealistisch und inadäquat, dass sie das ändern ließ, mit der Begründung, sie sei noch drei Monate 50, also bitte.)

Beim letzten Fünfziger, zu dem ich eingeladen war, trat überraschend Austrofred auf. Es war super und, wie ich meine, das richtige Signal: Na gut, wir werden alt, bleiben dabei aber kindisch wie die Sau und scheuen uns nicht vor Peinlichkeiten. Ich trug bei der Feier einen silbernen Paillettenrock, weil: eh.


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