"Musik ist meine Religion"

Der Oud-Virtuose und Sänger Dhafer Youssef kommt für ein Konzert zurück nach Wien

Interview: Sebastian Fasthuber | Lexikon | aus FALTER 10/17 vom 08.03.2017


Foto: Flavien Prioreau

Beim Promotag im Radiokulturhaus-Café wirkt Dhafer Youssef nicht, als würde er arbeiten. Der 49-jährige Jazzmusiker freut sich sichtlich, wieder einmal in der Stadt zu sein, die einige Jahre seinen Lebensmittelpunkt bildete. In leicht wienerisch gefärbtem Deutsch plaudert er mit alten Bekannten wie Albert Hosp, dem designierten Leiter des Weltmusikfestivals Glatt & Verkehrt, und verteilt CDs. Dazwischen bleibt aber auch Zeit für Interviews.

Falter: Sie wurden 1967 in Tunesien in eine religiöse Familie geboren. Wie begann Ihre musikalische Reise?

Dhafer Youssef: Nachdem ich mich nie für Religion interessiert habe, war das Radio mein erster Kontakt zur Welt. Ich habe von Klassik bis zu italienischer Musik alles gehört, was ich reinkriegen konnte, und versucht, das Gehörte nachzuspielen. Mein erstes Instrument war eine Plastikgitarre. Darauf folgte die Oud.

Ihre musikalische Ausbildung erfolgte in einer Koranschule. Wie war das?

Youssef: Ich habe Gesang für Koran gelernt, was vor allem Tonleitern sowie Stimm- und Gesangstechnik umfasst. Im Grunde ist es wie Jazz, nur dass man nicht auf Akkorden improvisiert, sondern auf Tonleitern. Das ist bis heute eine starke Basis meines Musizierens. Aber wenn es in der Nähe eine Musikkneipe gegeben hätte, wäre ich lieber da hingegangen als in die Koranschule. Musik ist meine Religion, das war mir früh klar.

Die Art, wie Sie singen und Oud spielen, hat auch etwas Hypnotisches.

Youssef: Ich habe für mich das Bild vom Fliegen gefunden. Musik, welcher Art auch immer, hat mit Gefühl zu tun. Sie bringt einen zum Tanzen, Lächeln oder Weinen. Bei meiner Musik kann man auch in Trance verfallen. Wenn ich singe, habe ich das Gefühl, dass sich mein Körper entspannt. Die Resonanzen vibrieren, und es fühlt sich an, als wäre ich in der Luft.

Nach Konzerten sind Sie vermutlich ausgelaugt?

Youssef: Stimmt. Aber dafür habe ich etwas Geiles erlebt. Singe ich und jemand bekommt dabei eine Gänsehaut, so spürt er etwas, das ich ihm geschickt habe. Um diese Kommunikation mit dem Publikum geht es.

Was führte Sie 1989 nach Österreich?

Youssef: Es war eines der wenigen Länder, in das man als Tourist ohne Visum für drei Monate reisen konnte. Natürlich reizte mich auch, dass Wien die Hauptstadt der klassischen Musik ist. Ich habe ein Jahr Deutsch gelernt, danach Musikwissenschaft inskribiert und zum Ausgleich meine eigene Musik gemacht. Viel lernte ich von hiesigen Musikern wie Toni Burger oder Otto Lechner. Und ich war fast jeden Tag im Porgy & Bess, habe wie ein Schwamm Musik aufgesaugt.

Später gingen Sie nach Paris, das als Hauptstadt der World Music gilt.

Youssef: Wobei es in Wien wahrscheinlich genauso viele tolle Musiker gibt. Es war wichtig, hier zu beginnen. Aber irgendwann muss man weiterziehen, wenn man sich verändern und weiterentwickeln will. Außerdem bin ich jeden Monat drei Wochen unterwegs und ohnehin selten zu Hause.

Welche Bedeutung hat bei einem solchen Leben der Begriff Heimat?

Youssef: Für mich ist vieles Heimat. Auch Österreich. Ich komme nach wie vor ein-, zweimal im Jahr her, auch wenn ich nicht gerade hier spiele. Das brauche ich. Auch Tunesien ist meine Heimat, obwohl ich nicht mehr als drei Wochen im Jahr dort verbringe.

Sie haben mit einer Vielzahl toller Musiker aus den unterschiedlichsten Genres gearbeitet. Was braucht es für eine gute Kollaboration?

Youssef: Es genügt nicht, fünf großartige Musiker in einen Raum zu stellen. Man muss eine harmonische Stimmung schaffen und eine Band mit eigener Farbe und Seele finden. Dazu ist es wichtig, dass sich die Leute nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich verstehen. Die Charaktere müssen zusammenpassen. Wenn das nicht der Fall ist, kann eine Tournee zum Albtraum werden.

Ihr aktuelles Album heißt „Diwan of Beauty & Odd“. Was reizt Sie an der Kombination schön und bizarr?

Youssef: „Odd“ bezeichnet das Bizarre, Komische, aber es steht auch für ungerade Rhythmen. Die Idee war, schöne Musik auf ungeraden, ungewöhnlichen Rhythmen zu machen. Ich bewege mich nicht immer im 3/4- oder im 4/4-Takt. Niemand macht das, wir Menschen gehen ungerade. Das wollte ich in meine Musik übersetzen. Die Texte stammen von einem Poeten aus Damaskus und handeln von Schönheit und Hässlichkeit, Böse und Gut.

Wie würden Sie Ihre Karriere
bislang resümieren?

Youssef: Es ist nicht wichtig, wie viele Platten ich verkauft habe und in welchen Hallen ich aufgetreten bin. Wichtig ist, dass man mit jedem Tag lernt und sich entwickelt. Mein Blick ist weiter geworden. Du kannst auch Erfolg haben und dein Blick verengt sich. Ich bin noch hungrig und habe viel zu erzählen.

Konzerthaus, Großer Saal, Di 21.00


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