Wieder gelesen Bücher, entstaubt

TILL HILMAR | POLITISCHES BUCH | aus FALTER 11/17 vom 15.03.2017

Blessuren der Klassengesellschaft Obwohl sie im Wohlstand der Mittelklasse angekommen sind, gibt es etwas, das an ihnen nagt. Gemeint sind die von Richard Sennett und Jonathan Cobb interviewten weißen Mittelständler der Boston-Area der 1960er-und 1970er-Jahre. Unbefriedigt in der Arbeitswelt der postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft, sehnen sie sich nach der "ehrlichen","anpackenden" Arbeit ihrer Väter.

Die Autoren bohren bei einem ihrer Gesprächspartner einmal nach, was dieser mit "harter Arbeit" eigentlich meint. Länger arbeiten? Sicherlich nicht. Seine Arbeit besonders gut zu tun, besser als andere? Über Kollegen will man sich als loyaler Mensch nicht stellen. Letztlich meint er damit, Respekt von einer vorgesetzten Person zu bekommen. Damit ist paradoxerweise jedes intrinsische Kriterium für "harte Arbeit" verloren. Die Bedeutung leitet sich allein aus einer übergeordneten Hierarchiestruktur ab. Wo der eigene Wert bestätigt und verteidigt werden kann, wird diese Hierarchie zementiert; die allseits zelebrierte Autonomie gibt es nur dank eines brachialen Autoritätsprinzips. Warum fehlt die Solidarität unter diesen Menschen? Weil Bildung, Haus und Einkommen die Waffen sind, um sich vor der drohenden Abwertung durch andere zu schützen. "The Hidden Injuries of Class" könnte in seiner Botschaft kaum aktueller sein. Leider liegt bis heute keine deutsche Übersetzung dieses soziologischen Klassikers vor.

Richard Sennett, Jonathan Cobb: The Hidden Injuries of Class. Alfred Knopf, 1972,275 S., € 17,42


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