Buch der Stunde

Franz Schuh wundert sich über das Glück

FLORIAN BARANYI | FEUILLETON BÜCHER : PLATTEN | aus FALTER 11/17 vom 15.03.2017

Kurz vor seinem 70. Geburtstag wundert sich Franz Schuh über das Glück. Nicht über das Glück an sich, sondern über Zufälle, Lektüren und die geheimen Endorphindepots des Alltags. Er nennt sie, genau wie seine Radiokolumne auf Ö1, Fundstücke "aus dem Magazin des Glücks".

Nun spielt bei allem, was aus Schuhs Feder stammt, die deutsche und österreichische Literatur-und Philosophiegeschichte eine zentrale Rolle. Seine Essays strotzen vor Verweisen auf Kant, Schopenhauer, Brecht, Thomas Mann, Nestroy, Kraus und Doderer. So ist auch das "Magazin des Glücks" literarischen Ursprungs, sollte doch eine von Horváth geplante, aber nie Wirklichkeit gewordene Zeitschrift diesen Namen tragen.

Franz Schuh nimmt das geheime Erbe an und tastet in Essays, Miniaturen und freien Versen nach den Inhalten des verstaubten Magazins. Dabei schreibt er scharfsinnig von den Feinden des Glücks, zum Beispiel dem freudlosen Optimierungswillen, "diese Selbstverbeamtung, die keinen Zweifel daran lässt, dass man zu funktionieren gedenkt".

Seine Methode lässt sich dabei als gelehrtes Assoziationsspiel beschreiben, das Schuh mit bewundernswerter sprachlicher Wendigkeit betreibt. Zudem liefert er immer eine konkrete Begebenheit, die sein Denken und Schreiben in Bewegung setzt, wie Formulierungen, vergangene Begegnungen oder das Fernsehprogramm.

Am stärksten sind seine Texte dort, wo er seine eigene Existenz zum Thema macht. In "Gut untergebracht" betreibt er eine Art soziologischer Selbstethnografie über seine Kindheitsjahre im Gemeindebau. Von einem vergangenen und kaum mehr wahrnehmbaren Wien ist hier die Rede und von erlernten Sichtweisen, die in eine Meditation über das essayistische Schreiben münden.

Oder in "Ich glaube nicht, dass ...", in dem Schuh aus dem Sinnieren über die eigene Leiblichkeit heraus zum ewigen Kampf zwischen Apollinischem und Dionysischem Stellung bezieht: "Aber Exzess ist bei allem Risiko eine der größten Glücksquellen, die Menschen haben."


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