Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Das beste "Blackfacing" der Welt der Woche

MATTHIAS D U S I N I | FEUILLETON | aus FALTER 11/17 vom 15.03.2017

Wer sein Gesicht schwarz anmalt, muss mit dem Vorwurf rechnen, ein Rassist zu sein. Der Musiker Lukas König, 28, begab sich daher auf dünnes Eis, als er sich bei seiner Plattenpräsentation im Porgy & Bess ganz in black präsentierte. Die Bühne blieb unbeleuchtet, lediglich Königs Lippen und Krone strahlten in Neonfarben, ein riskantes Spiel mit dem Klischee eines Urwaldhäuptlings.

Was sich an diesem Abend abspielte, war das Gegenteil einer rassistischen Parodie. König verwandelte sich in einen Hohepriester der Black Music, beschwor mit Schlagzeug und Synthesizer das Erbe des jamaikanischen Dub und des intergalaktischen Free Jazz eines Sun Ra, die wummernden Riddims von Bass und Schlagzeug ließen die Nasenhärchen beben.

Die Kubisten fanden in der afrikanischen Skulptur eine Möglichkeit, das Schönheitsideal des klassischen antiken Körpers zu überwinden. Eine ähnliche Entdisziplinierung findet bei König statt, der seine Ausbildung zum Virtuosen hinter sich lässt. In seiner Musik geht es nicht um Proportion und Ebenmaß, sondern um Überwältigung und Ekstase. Hypnotische Soundstrudel stellen eine unheimliche Nähe zu dämonischen Zwischenwelten her.

Der Solokünstler tritt dabei nicht als expressiver Performer in Erscheinung, sondern als präzise Maschine, die den Takt zwischen hüben und drüben schlägt. Ströme von Lust und Schrecken fließen durch ihn und das Publikum hindurch, Primitivismus mit Science-Fiction vereinend.

Die Dadaisten versuchten, die Sprache von ihrer Bedeutung zu lösen und die Knochen der Wörter bloßzulegen. Der Ernst Jandl des Dada-Dub zischt und japst und feiert die befreiende Wirkung von Nonsens und Haufenreim. In einem raren Moment küsst die Avantgarde die Gegenwart.


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