Bücher, kurz besprochen

Gelesen


Barbara Tóth
Politik | aus FALTER 12/17 vom 22.03.2017

Klassenmedizin, nicht nur in Wien

Es brodelt in Österreichs Gesundheitswesen, vor allem in Wien. Der Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), Udo Janßen, ist seit Montag vom Dienst "freigestellt", obwohl sein Vertrag noch bis 2019 läuft (siehe Seite 8). Das Vertrauen sei nicht mehr gegeben, argumentierte die neue Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger.

Bezeichnend war auch, wie mit dem kritischen Arzt Gernot Rainer umgegangen wurde, dessen Vertrag nicht mehr verlängert wurde, angeblich wegen "mangelnder Identifikation mit den Gesamtinteressen der Stadt Wien". Wohl eher, weil er die offiziell nicht anerkannte Ärztegewerkschaft Asklepios gegründet hatte (siehe Falter 8/16). Bei den anstehenden Ärztekammerwahlen tritt er gemeinsam mit Anna Kreil, 42, Internistin und Gastroenterologin an der Wiener Rudolfstiftung, als Liste "Alternative mit Mut" an.

Rainer hat zu all dem auch noch ein Buch geschrieben. "Kampf der Klassenmedizin" liest sich aber weniger als Wahlkampfschrift oder als Abrechnung mit dem Gesundheitssystem denn als sorgenvoller Weckruf.

Rainer und sein anonymer Koautor - das Buch wurde zusammen mit einem "renommierten Medizinjournalisten" verfasst, heißt es im Impressum - brechen die großen Verteilungskampffragen im Gesundheitssystem immer wieder auf sehr konkrete Beispiele herunter. Das ist die Stärke des Buches. Etwa wenn geschildert wird, wie Lungentumorpatienten lange auf eine Positronen-Emissions-Tomografie auf Kasse warten müssen - und auf Privatkliniken ausweichen, die 1200 Euro dafür verlangen. Oder wieso sich inzwischen sogar eine Notfallambulanz der Privatklinik Döbling rechnet.

Rainers Fazit ist immer das gleiche: In einem System, in dem Effizienz und Big Data das persönliche Gespräch und den Bezug zwischen Arzt und Patienten ersetzen, bleiben am Ende die Menschen auf der Strecke.

Gernot Rainer: Kampf der Klassenmedizin. Warum wir ein gerechtes Gesundheitssystem brauchen. Brandstätter, 192 S., € 22,90


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige