Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Kulturtrip der Welt der Woche


Barbara Tóth
Feuilleton | aus FALTER 12/17 vom 22.03.2017

Auf nach Prag! Der Moment war nie besser. Gerade eben eröffnete der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei in der Prager Nationalgalerie eine - wie bei ihm üblich - massenwirksame Installation mit dem Titel "Law of the Journey".

Ein gigantisches schwarzes Schlauchboot mit 258 Flüchtlingen schwebt auf Drahtseilen im monumentalen Ausstellungsraum, der für sich schon atemberaubend ist. Einen Stock höher sind Kleider und Schuhe aus dem griechischen Flüchtlingslager Idomeni ausgestellt, die von den Menschen zurückgelassen wurden und vom Künstler gewaschen, gebügelt und nach Gattungen geordnet auf Kleiderstangen und am Boden liegend präsentiert werden. Man kann das "europäischen Menschenrechtskitsch" nennen, wie es Kritiker - darunter auch der Falter - getan haben. Kalt lässt einen Ai Weiweis Arbeit nicht. Die zurückgelassenen Kleider berühren mehr als das spektakuläre schwarze Gummischlauchboot. Letzteres funktioniert natürlich besser auf Instagram.

Der eigentliche Star der Ausstellungen ist aber das Gebäude selbst, ein Prunkstück des tschechischen Funktionalismus, gerade ausreichend renoviert, sodass es seine Patina behalten durfte. Erbaut in den 1920er-Jahren weit abseits des Stadtzentrums, von den Nazis als Sammelstelle für Juden, die nach Theresienstadt deportiert wurden, missbraucht, danach wieder als Messegebäude verwendet, steht das von Jiří Fajt geleitete Haus heute selbstbewusst für eine Kunstpolitik, die sich an die Peripherie traut - und die es in Wien so leider noch nicht gibt.

Etwas abseits liegt auch das Lokal Sansho, in dem der Brite Paul Day böhmisch-vietnamesisch kocht. Ja, auch das geht sich aus. Francesca Habsburg und der TBA21-Truppe soll es nach der Vernissage jedenfalls geschmeckt haben.


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