"Wir sind nicht die Jubiläumstypen"

Die Anti-Popstars Garish präsentieren lieber ihr neues Album, als den 20. Geburtstag zu feiern

INTERVIEW: SEBASTIAN FASTHUBER | Lexikon | aus FALTER 12/17 vom 22.03.2017


Foto: Andreas Jakwerth

Thomas Jarmer und seine Bandkollegen Julian Schneeberger, Kurt Grath und Markus Perner sind mit dem gelungenen neuen Album „Komm schwarzer Kater“ wieder einmal auf Achse. Nach einer schwierigen Phase und dem Ausstieg von Gründungsmitglied Christoph Jarmer verspüren die Indiepopper aus dem Burgenland derzeit als Quartett frischen Wind.

Falter: Erstmals schlagen Garish auf dem neuen Album auch politische Töne an. Wie kam es dazu?

Thomas Jarmer: Als Texter ist Politik im Grunde nicht mein Thema, aber ich konnte mich auch nicht dagegen wehren. Wir haben das Album in diesem merkwürdigen Katastrophenjahr 2016 aufgenommen. Ich bin jeden Tag in der Früh schon mit einem Paket an Informationen und Sagern ins Studio gekommen. Man ist bei einer Albumproduktion sehr in seiner eigenen Welt, die Turbulenzen draußen ließen sich aber nicht ausblenden.

Die Lieder erzählen davon, wie wir leben – immer „Unter Strom“. Meinen Sie sich damit auch selbst?

Jarmer: Natürlich ist das meistens auch mein Status. Ich will und kann mich nicht losreißen davon, was da draußen passiert. Auf der anderen Seite macht es einen verrückt, sich ständig dieser Flut an Information auszusetzen. Ich glaube, viele Leute haben den Wunsch, eine Zeitlang abzutauchen.

Was kann Pop in so verrückten Zeiten leisten?

Jarmer: Ein Song kann schon eine Art Gegenpropaganda sein, gegen die Phrasendrescherei und das Aushöhlen von Begriffen. Aber es besteht dabei immer die Gefahr, dass man nur Leute anspricht, die ohnehin gleich oder zumindest ähnlich empfinden.

Garish werden heuer 20. Warum gibt es ein neues Album, aber keine großen Feierlichkeiten?

Jarmer: Wir sind nicht die Jubiläumstypen. Uns sind die neuen Lieder wichtiger. Es wäre freilich auch Blödsinn zu sagen, dass uns diese zwei Jahrzehnte nichts bedeuten. 40 Lebensjahre zu erreichen ist keine Leistung, miteinander 20 Jahre Musik zu machen in gewisser Weise schon. Man hätte jedoch auch 19 Jahre Garish feiern können, und genauso kann man sich nächstes Jahr über 21 Jahre freuen.

Die Musikindustrie und die Bedingungen fürs Musikmachen haben sich in dieser Zeit radikal verändert. Wie gehen Sie damit um?

Jarmer: Man muss als Band seinen persönlichen Weg und Zugang finden, etwa zum Thema soziale Medien. An sich liegt uns diese Form von Eigenwerbung, die man jetzt zusätzlich zur künstlerischen Arbeit noch machen muss, nicht wirklich. Es ist auch ein Mehraufwand damit verbunden. Dennoch wäre es idiotisch, sich dem ganz zu verschließen. Man hat die Chance, Inhalte zu teilen und Interessierten mehr Einblicke zu geben, und muss sich eben genau überlegen, welche Form man für welchen Social-Media-Kanal findet.

Bands wie Bilderbuch genießen die Selbstinszenierung und spielen damit. Ihres ist das alles nicht, oder?

Jarmer: Ich war lange der Meinung, dass es das überhaupt nicht braucht, denn mir selbst hat immer die Musik gereicht. Wie Belle and Sebastian oder die Tindersticks aussehen, war mir egal, als ich ihre Musik entdeckt habe. Das haben wir als Band auch so gehandhabt und uns rausgenommen. Selbst auf dem Cover einer Platte zu sein ist bis heute undenkbar.

Kein Fünkchen Größenwahn?

Jarmer: Im Gegenteil. Konzerte waren am Beginn ein einziger Krampf. Im Nachhinein betrachtet ist es ein Wunder, dass wir das immer wieder gemacht haben, obwohl uns die Situation lang unangenehm war. Erst nach und nach hat jeder von uns seinen Platz auf der Bühne gefunden. Sich permanent in sich selbst zu verkriechen, ist ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr zufriedenstellend. Mittlerweile machen Konzerte richtig Spaß, aber es hat extrem lange gedauert.

Warum spielen Sie live fast nur Songs der letzten drei Alben?

Jarmer: Ich kann mir unsere alten Sachen nicht mehr anhören. Ich glaube nicht, dass wir Spätzünder sind, wir haben uns einfach im Zeitlupentempo entwickelt. Das ist aber auch ein Grund dafür, warum es uns nach wie vor gibt und wir das Gefühl haben, dass noch einiges möglich ist.

Ihr Bruder Christoph ist nach dem letzten Album „Trumpf“ ausgestiegen. Garish gelten als sehr demokratische Band. Ist es nicht noch schwieriger, zu viert zu Entscheidungen zu gelangen?

Jarmer: Manchmal steht es schon zwei zu zwei. Aber es geht momentan alles leichter von der Hand, weil sich die kreative Verteilung neu durchmischt hat. Wir arbeiten jetzt ruhiger und sind uns einiger.

Arena, Fr 20.00


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