Film Neu im Kino

Verzauberte Robinsonade: "Die rote Schildkröte"

GERHARD MIDDING | Lexikon | aus FALTER 12/17 vom 22.03.2017

Dieser Filmemacher sieht es nicht gern, wenn seine Figuren allein bleiben. Er will, dass sie Gesellschaft finden. Die Gemeinschaft ist bereits ein Grundimpuls der preisgekrönten Kurzfilme von Michael Dudok de Wit. Für den ersten Langfilm des Animationskünstlers gilt das erst recht.

Der einzige Überlebende eines Schiffbruchs wird an das Gestade einer einsamen Insel gespült. Neckische Strandkrabben verfolgen jede Handlung des Neuankömmlings mit entzückter Neugier. Die titelstiftende Meeresschildkröte wiederum vereitelt beharrlich seine Versuche, die Insel auf einem Floß zu verlassen. Als sie ihm an Land folgt, will der Havarist sie unter der brütenden Tropensonne verenden lassen. In der Nacht jedoch, als er neben dem leblosen Tier einschläft, verwandelt es sich in eine schöne, rothaarige Frau. Aus ihrer Liebe geht ein weiterer Gefährte hervor, ein Sohn, dessen Heranwachsen und spätere Ablösung der Film mit heiterer Melancholie begleitet.

Das Märchenhafte selbstverständlich werden zu lassen zeichnet auch die Arbeiten des japanischen Animationsstudios Ghibli aus. Es nimmt also nicht Wunder, dass "Die rote Schildkröte" auf Einladung und als Co-Produktion mit der Firma von Hayao Miyazaki und Isao Takahata entstand. Filmemacher Dudok de Wit beschwört die Eintracht von Mensch und Natur ebenso sehnsuchtsvoll und hellsichtig. Bestrickend schöpft er die visuellen und akustischen Möglichkeiten des Schauplatzes aus. Den Wechsel von Licht und Farben zu unterschiedlichen Tageszeiten fängt er achtsam ein; die Geräuschkulisse der wachsamen Natur schafft eine Stimmung schleichender Verzauberung. Bei aller erzählerischen Konkretion stößt "Die rote Schildkröte" in mythische Dimensionen vor: Die Robinsonade ist als Kreislauf von Leben, Sterben und Werden erzählt.

Ab Fr im Filmcasino (ohne Dialog)


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