Kommentar Wissenschaftspolitik

Hilfe, die Deutschen kommen! Der Uni-Provinz-Feudalismus


Barbara Tóth

Falter & Meinung, FALTER 13/17 vom 29.03.2017

Deutsche Wissenschaftler, die an Österreichs Universitäten Karriere machen und ihre Fachgebiete dominieren, gehören zu einem Europa, das sich nicht nur als ökonomische, sondern auch als intellektuelle Union versteht. Anders schaut es aus, wenn Universitäten Nachbesetzungen so achtlos ausschreiben, dass in genuin "österreichischen" Disziplinen keine auf Österreich spezialisierten Forscher mehr zum Zug kommen.

So passiert ist das an der Universität Graz, die einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für den renommierten Historiker Helmut Konrad sucht. Zu besetzen ist eine Professur für Zeitgeschichte - ohne Einschränkung. Über 60 Personen haben sich beworben, sieben wurden zu einem Hearing eingeladen, drei kamen auf die Shortlist -darunter keine Ösis, sondern ausschließlich deutsche und Schweizer Forschende.

Die Aufregung ist groß. Österreichs Universitäten würden "germanisiert", es gäbe einen "stillen zweiten Anschluss", vor allem in Fächern mit Österreichbezug wie Geschichte, Philologie, Volkskunde, Ethnomusik oder Wirtschafts-und Sozialgeschichte.

Tatsächlich kommen 45 Prozent des internationalen Wissenschaftspersonals mittlerweile aus Deutschland, der Gesamtanteil liegt bei elf Prozent (4269). Umgekehrt sind 2252 Österreicher an deutschen Unis. Gemessen an den Bevölkerungszahlen Österreichs und Deutschlands also durchaus eine "Germanisierung". An der Grazer geisteswissenschaftlichen Fakultät finden sich nur mehr zehn Österreicher unter den 35 Professorinnen und Professoren, 19 sind Deutsche, weswegen auch schon über die "Tübinger Runde" gelästert wird. Klassische, österreichische Zeitgeschichte - Austrofaschismus, NS-Zeit, Erinnerungskultur -wird in Zukunft überhaupt nur mehr in Wien und Innsbruck unterrichtet. Das hat Folgen, etwa auf die Lehrerausbildung und später dann auf den Geschichtsunterricht an Österreichs Schulen.

Im Grunde ist es egal (meistens sogar spannender), ob ein Deutscher, ein Tscheche oder ein Brite österreichische Geschichte oder Literatur lehrt -wenn er es nur tut. Nicht die Herkunft eines Forschers, sondern seine Sozialisierung und sein Fachwissen zählen. Sich über die Germanisierung aufzuganseln, greift zu kurz. Lehrstühle gehören präziser ausgeschrieben und Bestellungsprozesse an den seit 2002 autonomen Universitäten genauer hinterfragt. Wenn dort inzwischen statt "aufgeklärtem Absolutismus" tatsächlich "provinzieller Feudalismus" herrscht, wie es die Historikerin Heidemarie Uhl formuliert hat, ist der Wissenschaftsminister gefordert.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

FALTER 26/19
Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook:
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Artikel dieser Ausgabe finden Sie in unserem Archiv.

Anzeige

Anzeige