Fragen Sie Frau Andrea

Undank ist des E-Mails Lohn


Andrea Maria Dusl
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 13/17 vom 29.03.2017

Liebe Frau Andrea, gibt es so was wie E-Mail-Sitten? Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich vermisse höfliche Antworten im Netz. Was meinen Sie? Liebe Grüße, Maja Novak, per E-Mail, Brigittenau

Liebe Maja,

Ihr Befund stimmt mich traurig, denn er rührt an eigene Erlebnisse. Die Zeiten persönlichen Briefverkehrs sind Geschichte. Mit der gelben Post reisen nur noch Flyer und Mahnungen, Marketingoffensives und flache Bestellware. Drucksachen, wie man früher sagte.

Das postalische Panoptikum ist verschwunden: parfümierte Liebesbriefe, bunte Postkarten aus südlichen Gegenden, tränenbringende Partezettel, juchzende Geburtstagsfesteinladungen, feierliche Hochzeitsankündigungen und rührende Glückwunschtelegramme. Und auch das wattierte Päckchen mit der selbstaufgenommenen Kassette, das Kleinpaket mit den gestrickten Fäustlingen von der Oma.

Sie alle fehlen. Stattdessen kommt das E-Mail. Minütlich. Seine Distinktionsqualitäten sind überschaubar, ein lieber Gruß hat denselben öden Anschein wie die Anfrage Wildfremder aus Penisvergrößerungshausen. Geschäftspost vermischt sich mit Werbung, Nettigkeiten mit Spam.

Das hat uns insgesamt verrohen lassen. Aus der handschriftlichen Mußebotschaft, im Schein einer Kerze am abendlichen Küchentisch verfasst, ist die grußlose Kurznachricht geworden. Zwischen zwei Vormittagsterminen in den Büro-PC gehackt oder im Bus ins Handy. Das lyrische Postkartenkleinod ist der Facebook-Statusmeldung mit dem erfundenen Konfuzius-Zitat gewichen. Elektronachrichten, die nicht sofort beantwortet werden, versinken in den Tiefen der nachkommenden Mails, werden vergessen, von Spamfiltern verschluckt oder instantamente vom galoppierenden Termindruck ins Rinnsal der Vergessenheit getreten.

E-Mail ist die Rache des "Es" an der Digitalisierung des "Überichs". Seien wir wieder "ich", schlagen wir zurück! Antworten wir Unbekannten mit Zeilen aus Ingeborg-Bachmann-Liebesbriefen. Retournieren wir Chopin-Scherzi, Georgia-O'Keeffe-Pastelle und Verse aus der "Ilias". Leisten wir uns Sätze wie diese: "Ich befinde mich bis 2047 auf Sommerfrische und lese ausschließlich Handschriften. Beste Grüße aus Pernambuco!"

www.comandantina.com; dusl@falter.at, Twitter: @Comandantina


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