Doris Knecht Selbstversuch

Das würde niemandem einfallen


Doris Knecht
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 13/17 vom 29.03.2017

Ich war auf der Leipziger Buchmesse. Ich hatte ein paar Termine und zwei Lesungen, eine davon im Rahmen einer Ladies' Night, was mir schon gleich nicht behagte, aber ich habe vor einiger Zeit beschlossen, offen und aufgeschlossen auf neue Dinge zuzugehen und nicht immer gleich gegen alles zu sein und zu wüten, was mir im ersten Moment komisch vorkommt oder total unangemessen. Das bewährt sich oft.

Und manchmal nicht: Diese Ladies' Night fand im schummrigen Keller eines Leipziger Bar-Grills mit dem überraschenden Namen Chocolat statt. Ich las dort mit drei anderen Autorinnen. Steffi von Wolffs Roman handelt vom Altwerden, Verena Lugerts "Die Irren mit dem Messer" ist ein Erfahrungsbericht über das Kochen in Sterne-Restaurants, Susanne Pásztors Roman "Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" handelt vom Sterben und mein Buch von einem Hypersexuellen, der mit vielen Frauen schläft. Pásztor und ich teilten uns einen Lese-und Gesprächsblock, und der Moderator hatte bei der Überleitung von den großen zu den kleinen Toden einiges zu tricksen. Weil: eh.

Ich habe dann im Programm geschaut, wo die Men's Night stattfindet, aber nichts gefunden, weil merkwürdigerweise niemand auf die Idee kommt, vier erfolgreiche Autoren zusammen in einen Abend zu quetschen aus dem einzigen Grund, dass sie alle einen Penis haben.

Es ist dagegen völlig normal, Frauen zusammen auf einen Haufen zu werfen, deren Arbeit nichts, überhaupt nichts gemeinsam hat bis auf das Geschlecht der Autorinnen und den atemberaubenden Umstand, dass sie trotz dieses Geschlechts zu ihrer Arbeit in der Lage sind. Dass sie alle überraschenderweise komplette Bücher schreiben können, obwohl sie Frauen sind. Diese Sensation wird dann in Ladies' Nights oder einer Frauenwerkschau oder einem Konzert nur mit Frauenbands gefeiert.

Auch eine befreundete Elektronikmusikerin wird ständig zu Veranstaltungen mit Musikerinnen aus völlig unterschiedlichen Genres eingeladen, und die Veranstalter halten sich dann meist für Feministen. Wenn man sich darüber beschwert, muss man stets erst erklären, was man denn für ein Problem habe, warum man sich darüber aufrege: War doch viel Publikum da, war doch ein gelungener Abend, was war denn daran falsch?

Niemandem würde es einfallen, vier erfolgreiche männliche Schriftsteller, die kein gemeinsames Thema haben, zusammenszuspannen, weil sie zufällig alle Männer sind und zufällig alle Bücher veröffentlicht haben: Hei super, lasst uns das zelebrieren! Bei Frauen dagegen braucht es kein gemeinsames Thema. Der Umstand, dass sie alle ganze Sätze formulieren können und einen Verlag gefunden haben, der diese Sätze druckt, obwohl sie keine Männer sind, ist schon spektakuläre Gemeinsamkeit genug. Der Umkehrschluss ist tatsächlich undenkbar.

Frauen, die Kunst, Literatur, Musik machen: Immer noch ein Gemeinsamstellungsmerkmal, weil: hui.


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