Die Schwiegermutter Europas

Eine mehrteilige Ausstellung erinnert an die bewegte Regentschaft von Maria Theresia


Überblick: Matthias Dusini
Lexikon | aus FALTER 13/17 vom 29.03.2017


Maria Theresia im pelzverbrämten Kleid, 1743 gemalt von Jean-Étienne Liotard (Foto: Österreichische-Nationalbank, A. E. Koller)

Ein Täfelchen von 1775, bequem in der Hand liegend, ist das Symbol einer Bildungsrevolution. Anhand eines auf dem Holz befestigten Alphabets lernte der Nachwuchs lesen. Der Lehrer deutete mit dem Stab auf einen Buchstaben, der Schüler musste ihn von der Tafel ablesen. Wenn das Kind „A“ oder „B“ nicht erkannte, gab es einen schmerzvollen Schlag mit dem Stöckchen.

Der in Österreich noch heute gebräuchliche Begriff des Tafelklasslers (für Schulanfänger) geht auf dieses Werkzeug zurück. Das Abc-Täfelchen, das derzeit in einer Ausstellung in Schloss Niederweiden zu sehen ist, wirkt wie ein Überbleibsel der schwarzen Pädagogik. Erfunden wurde es von den Aufklärern in der Zeit Maria Theresias.

Maria Theresia (1717–1780), Regentin
der Habsburgermonarchie, schuf 1760 eine staatliche Behörde, die die Unterrichtspflicht einführte und den Bau von Schulen veranlasste. Während ihrer vierzigjährigen Regierungszeit trieb Maria Theresia die Modernisierung des rückständigen Reiches voran. Ärzte lösten allmählich die Wunderheiler ab, Wissenschaftler die Theologen. Ein verbessertes Steuerwesen sollte die vielen Kriege finanzieren, die die Monarchie an den Rande des finanziellen Ruins trieben. Ein neues Nützlichkeitsdenken stellte den Luxus absolutistischer Repräsentation infrage.

Schloss Niederweiden im Marchfeld ist ein Standort der mehrteiligen Schau „Maria Theresia, 1717–1780. Strategin, Mutter, Reformerin“. In dem ehemaligen Jagdschlösschen wird das Reformprogramm der Herrscherin dargestellt und sie als Übergangsfigur porträtiert.

Maria Theresia war einerseits eine militante Vertreterin der Pietas Austriaca, also der machtvollen Einheit von Habsburgerdynastie und Katholizismus. Auf der anderen Seite ließ sie aufgeklärten Geistern wie dem Leibarzt Gerard van Swieten freie Hand, die der Frömmelei und dem Aberglauben den Kampf ansagten.

Voltaire und Rousseau galten als gefährliche Ketzer – und beeinflussten dennoch das Denken der höfischen Eliten. Maria Theresias Sohn Joseph wird den kritischen Geist der neuen Zeit auch gegen den Willen seiner Mutter in die Tat umsetzen. Auch davon ist in diesem Ausstellungsteil die Rede.

Schloss Niederweiden und das benachbarte Schloss Hof (beide werden von der Schloss Schönbrunn Gesellschaft betrieben) bilden insofern eine ideale Kulisse für das Thema, als die Anwesen ursprünglich von dem Feldherrn Prinz Eugen in Auftrag gegeben wurden, nach seinem Tod aber von Maria Theresia gekauft und ihrem Mann, Franz I. Stephan von Lothringen, geschenkt wurden.

Der Ausstellungsteil in Schloss Hof behandelt die Politik der Herrscherin, deren Regentschaft erst erstritten werden musste. Ihr Vater, Kaiser Karl VI., hatte in einem Dokument bestimmt, dass er seine Herrschaft einer Tochter vererben würde, sollte es keine Söhne geben. Er starb tatsächlich ohne männlichen Nachfolger, und Maria Theresia kam an die Macht. Die berühmte Verfügung, auch Pragmatische Sanktion genannt, ist auf Schloss Hof als Faksimile zu sehen.

In der Folge sägten die anderen europäischen Mächte immer wieder an Maria Theresias Thron. Den Titel Kaiserin trug sie offiziell nie, obwohl sie die Zügel in der Hand hielt. Schlachtenpläne, Heiratsbilder und Porträts von Generälen veranschaulichen die kriegerische Politik Maria Theresias. Gegen ihren Intimfeind Friedrich II. von Preußen führte sie den Siebenjährigen Krieg, der mit dem Verlust Schlesiens endete.

In Wien führt der Ausstellungsrundgang zunächst in das Hofmobiliendepot, wo das Thema „Familie und Vermächtnis“ dargestellt wird. Maria Theresia brachte in 20 Jahren 16 Kinder auf die Welt und machte den Nachwuchs zum Werkzeug imperialer Politik. Als „Schwiegermutter Europas“ verheiratete sie die Kinder an ausländische Herrscher, Marie Antoinette etwa ehelichte Ludwig XVI. von Frankreich. Durch diesen Schachzug wurde das Bündnis der einstigen Erbfeinde besiegelt. Im Hofmobiliendepot sind Objekte aus dem privaten Bereich der Herrscherin zu sehen, etwa ein ausgestopfter Papillon, die von Maria Theresia bevorzugte Hunderasse.

Die Kinder erhielten Unterricht in Musik, Tanz und Malerei. Aus dieser Zeit haben sich Zeichnungen erhalten, die von den Habsburgertöchtern angefertigt wurden. Die Ausstellungsmacher ordneten dieser Sektion die Schatzkammer zu. Das Publikum kann sich hier ein Bild vom höfischen Zeremoniell machen, zu dem etwa ein goldenes Essservice oder ein Blumenstrauß aus Edelsteinen gehörten.

Letzte Station ist die Kaiserliche Wagenburg in Schloss Schönbrunn, jenem Besitz, den Maria Theresia zu einem der wichtigsten Residenzen Europa ausbaute. Hier zeigt sich die barocke Herrschaft in ihrem ganzen Protz. Der Krönungswagen kam bei großen Festen zum Einsatz und stellte sich den Passanten als Thron auf Rädern dar, die Macht und Tugenden der Insassen symbolisierend.

Diverse Standorte, bis 29.11.


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