Pop Tipp

Lärmige Erinnerung an das Berlin der 1990er

GS
Lexikon, FALTER 13/17 vom 29.03.2017

In den 1990ern war Berlin eine Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Kaputte Kellerlöcher verwandelten sich in die tollsten Technoclubs Europas, und in einer anderen Ecke der damals noch kein bisschen krisengebeutelten Spielwiese Popmusik gründete ein junger Nichtsnutz ein Schallplattenlabel, um seine eigene und befreundete Bands veröffentlichen zu können. Der Nichtsnutz hieß Patrick Wagner, das Label Kitty-Yo Int. Seine Band Surrogat spielte Noiserock im Stil der 1980er-Jahre, kombiniert mit sloganartigen deutschen Texten, alt und aufregend neu zugleich.

Das erste Büro von Kitty-Yo, ein Gassenlokal, war so klein, dass man sich draußen auf dem Gehsteig treffen musste, sobald mehr als drei Personen im Spiel waren. Aber es dauerte nicht lange und das Label wurde in den Fachmedien und der damals noch hochaktiven internationalen Lifestylepresse als zuverlässiger Hot-Shit-Lieferant gehandelt. Die 1990er eben, ein lustiges Jahrzehnt. Kitty-Yos größer Coup sollte um die Jahrtausendwende die Entdeckung einer in Berlin aufgeschlagenen kanadischen Elektropunk-Musikerin werden, die als Peaches zu den spannendsten Popkünstlerinnen der Nullerjahre aufstieg; als Surrogats größer Coup wiederum war 2002 die Veröffentlichung des Albums "Hell in Hell" beim Branchenriesen Universal samt echtem Popstarerfolg gedacht. Patrick Wagner zeichnete seine Mails damals mit dem Kürzel GaG, was weniger seinem gut gelaunten Naturell als vielmehr seinem Größenwahn geschuldet war: GaG stand für "Größer als Gott".

Es kam, wie es offenbar kommen musste: Kitty-Yo zerfiel, Surrogats Höhenflug endete als Bruchlandung. Wagner gründete ein neues Label und hatte unter anderem bei der kreativen Wiedergeburt der österreichischen Band Naked Lunch seine Finger im Spiel, die Magie der Nineties hatte sich aber längst in der Katerstimmung der Nullerjahre aufgelöst. Irgendwann war Wagner verschwunden, jetzt steht er wieder auf der Bühne. Seine neue Band heißt Gewalt, sie spielt nun erstmals in Wien. Wiederum setzt es brutal-existenzialistischen Lärmrock mit eindringlichen deutschen Texten, heute aber mit Drumcomputer, wie einst bei Steve Albinis Mistkübelstierler-Ensemble Big Black selig. Harter Stoff -aber toll in seiner eigensinnigen Brachialität.

Fluc, Do 20.00

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FALTER 20/19
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