Tiere

Narrentürme

KOLUMNEN | aus FALTER 14/17 vom 05.04.2017


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Er hat schon länger gekränkelt. Jetzt ist er wirklich tot. Der Aprilscherz war ursprünglich ein Ritual der Bildungsbürger, die jene öffentlich als Narren vorführen konnten, die auf falsche Nachrichten mangels besseren Wissens hereinfielen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren Nachrichten noch geprüfte und rubrizierte Wahrheiten, die von höheren Mächten verlautbart wurden. Und der 1. April war der offizielle Testtag für aufgeklärte Menschen, die zeigen konnten, dass sie zu Autoritäten in kritischer Distanz standen.

1957 sendete die BBC einen zweieinhalbminütigen Beitrag zur Spaghetti-Ernte. Man sah Frauen in einer malerischen Landschaft, die Nudeln von Bäumen pflückten. Der Spätfrost sei für Spaghetti-Bauern ein Problem, erklärte ein Sprecher, der die Ernte zwar nicht bedroht, aber Einfluss auf das Aroma der Nudeln habe. In der BBC-Redaktion riefen danach Menschen an, die wissen wollten, wo man diese Bäume kaufen könnte. Eine solche „Nachricht“ war für die Nachkriegsgesellschaft eine pädagogische Übung in selbstständigem Denken und aufgeklärter Medienkritik. Doch jetzt stehen wir vor einer heruntergewitzelten Spaßruine, deren Überreste bestenfalls von Marketingfirmen ausgebeutet werden. Ein Spirituosenhersteller behauptete, seinen Partylikör jetzt auch als Deo anzubieten, und ein Produzent von Tiefkühlprodukten kündigt eine „Einhorn-Pizza“ an, die eine Mischung aus Pizza und Cupcake sei. Wo bleibt da in einer Welt der real existierenden Pizzaburger der subversive Spaß?

In diesem Jahrtausend haben wir im Internet mit einer an allem nagenden Unsicherheit zu leben gelernt. In den Printmedien hat sich die Schlagrichtung sogar umgekehrt: Jetzt beschuldigen schon offizielle Vertreter des Staates eine Medienform, derer sie sich in früheren Zeiten als offizielles Verlautbarungsorgan bedient hatten, „Fake News“ in die Welt zu setzen.

Und was sagt das nun über mich aus, der ich dem Aprilscherz aufgesessen bin, dass im US-Bundesstaat Wyoming angeblich 90 Kängurus als Bereicherung für Tourismus und Jagd ausgesetzt worden wären? Vielleicht nur, dass dies tatsächlich in den 1950er-Jahren in Österreich gemacht wurde. Doch die Beuteltiere ertranken dann alle im Winter, als sie auf den Seen im dünnen Eis einbrachen. Spaß und Wirklichkeit sind zweifelsfrei nicht mehr unterscheidbar (© Walter Gröbchen).


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