Neue Bücher Zwei, die verschwinden

BÜCHER : PLATTEN FEUILLETON | aus FALTER 14/17 vom 05.04.2017

Aus dem Alltag auszubrechen und zu verschwinden ist ein häufiges Thema der Schweizer Literatur. So ein Fall ist auch Philip. Beim Warten auf einen Geschäftspartner fällt sein Blick auf eine Frau, der er spontan beschließt zu folgen, obwohl er nur ihre Rückenansicht und ihre "pflaumenblauen Ballerinas" wahrgenommen hat. Binnen eineinhalb Tagen wird Philip vom erfolgreichen Immobilientwickler zu einem Sonderling, der mit nur einem Schuh durch Zürich stolpert.

Lukas Bärfuss legte mit dem Stück "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" oder dem Roman "Koala" furiose Texte vor. Mit "Hagard" - das Wort, das Wildfang meint, kommt im Buch kein einziges Mal vor -verheddert er sich trotz großartiger Passagen. Dass Bärfuss einen namenlosen Ich-Erzähler dazwischenschaltet, der darüber schwadroniert, wie schwierig es ist, den Einstieg in eine Geschichte zu finden, macht es nicht besser.

SEBASTIAN FASTHUBER

Auch die deutsche Schriftstellerin Nina Bußmann lässt ihre Hauptfigur verschwinden: Geophysikerin Nelly stürzt mit einem Propellerflugzeug über dem Dschungel von Nicaragua ab und mit ihrem Verschwinden kommt auch jede Gewissheit abhanden.

Bußmanns Roman kreist um diese Leerstelle, ohne die Leere füllen zu können, die ein Mensch hinterlässt, wenn er verloren geht. Eine namenlose Ich-Erzählerin begibt sich auf die Suche nach der Verschollenen. Auf die Frage, was Nelly für ein Mensch war, wird man aber bis zum Schluss keine Antwort, sondern nur Annäherungen bekommen. Denn dem Roman ist nicht nur die Hauptfigur, sondern auch die Chronologie abhanden gekommen. So entwickelt sich eine Form multiperspektivischen Erzählens, in der sich die Uneindeutigkeit und die Unverbindlichkeit menschlicher Beziehungen spiegeln. Das ist eine Herausforderung an den Leser. Eine, die sich lohnt.

KARIN JANKER


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