"Es gibt schlimmere Schicksale"

Bonnie Tyler erzählt, warum sie immer noch gerne "Total Eclipse of the Heart" singt

Interview: Sebastian Fasthuber | Lexikon | aus FALTER 14/17 vom 05.04.2017


Foto: bonnietyler.com

„Keine singt geiler als die Tyler“, plauderte Dieter Bohlen in seiner Autobiografie „Nichts als die Wahrheit“ aus dem Nähkästchen des Erfolgsproduzenten. Um die Stimme der walisischen Sängerin zu charakterisieren, wurden einst Begriffe wie „Power-Röhre“ erfunden. Um 1980 hatte sie mit Songs wie „It’s a Heartache“, „Total Eclipse of the Heart“, „Lost in France“ oder „Holding Out for a Hero“ Megahits. Am Sonntag präsentiert die 65-Jährige sie im Rahmen einer Greatest-Hits-Show in Wien und am Montag in Linz.

Falter: Frau Tyler, Ihre Sprechstimme klingt ja fast wie Ihre Singstimme. Ich überlege gerade, ob ich Sie bitten soll, mir am Telefon etwas vorzusingen?

Bonnie Tyler: Schätzchen, das können wir gerne machen. Bei mir ist alles echt. Nur im Gesicht helfe ich ab und zu mit Botox nach.

Wie ist es, wenn Sie sich selbst im Radio hören? Singen Sie mit?

Tyler: Ich erinnere mich sehr deutlich an Situationen, in denen Songs von mir zum ersten Mal im Radio gelaufen sind. Das gibt einem einen unbeschreiblichen Kick. Heute höre ich mich leider nur noch selten. Die maßgeblichen Sender spielen meine Musik nicht mehr. Überhaupt hat sich die ganze Branche verändert. Früher habe ich 36.000 Platten verkauft – pro Tag. Mittlerweile hat sich das Geschäft sehr auf Tourneen verlagert.

Sie müssten nicht mehr touren, oder?

Tyler: Stimmt. Ich habe einen Haufen Geld verdient und zum Glück einen Mann, der es all die Jahre zusammengehalten hat. Aber wenn ich länger nicht singe, werde ich unrund. Ich verstehe Kollegen nicht, die sich zurückziehen und jahrelang nichts machen. Meine einzige kurze Pause war in den 70ern, als ich an den Stimmbändern operiert werden musste. Weil ich so ein Plappermaul bin, konnte ich den Mund nicht lange halten. Erst dadurch wurde meine Stimme so, wie sie heute klingt.

Es brauchte also gar keine Zigaretten und keinen Whisky?

Tyler: Zumindest keine Zigaretten.

Sie hatten keinen Gesangsunterricht.

Tyler: Ich hielt es nie für nötig. Allerdings habe ich seit ein paar Jahren einen Stimmtrainer, den ich regelmäßig konsultiere, um in Schuss zu bleiben. Auch vor meinen Konzerten in Wien und Linz werde ich ihn anrufen.

Wie fühlt es sich an, immer wieder „Total Eclipse of the Heart“ zu singen?

Tyler: Ganz ehrlich? Herrlich. Zum einen ist mir klar, dass die Leute in meine Konzerte gehen, weil sie die Hits hören wollen, nicht so sehr wegen neuer Songs. Ich schicke sie auf einen Trip zurück, sie können in Erinnerungen an ihre Jugend schwelgen. Außerdem sind es nun mal tolle Songs, und ich werde nicht müde, sie zu singen. „Total Eclipse of the Heart“ hat Jim Steinman geschrieben, damit ich alle Register meiner Stimme ziehen kann. Ich weiß, dass es manche Sänger als Bürde empfinden, auf ihre alten Erfolge reduziert zu werden. Aber glauben Sie mir, es gibt schlimmere Schicksale.

Sie sind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Wie hat Sie das geprägt?

Tyler: Es hat mich so stark geprägt, dass ich glaube, immer noch dieselbe zu sein. Ich fühle mich nach wie vor wie ein Mädchen aus der Arbeiterklasse, obwohl ich ein Luxusleben führe. Dass ich heute noch fleißig bin, hat sicher auch mit meinen Karriereanfängen zu tun. Ich habe jahrelang sieben Abende die Woche in einer Kneipe gesungen, bis ich endlich die Chance zu einer Plattenaufnahme bekam.

Heute besitzen Sie und Ihr Mann Häuser und Grundstücke in aller Welt.

Tyler: Das stimmt. Wann immer Zeit dafür ist, verbringen wir ein paar Wochen in unserem Haus in Portugal oder in Neuseeland. Reisen ist mein Alltag, ich bin mehr unterwegs als daheim.

Organisieren Sie Ihre Tourneen so, dass Sie auch etwas von den Städten sehen, in denen Sie auftreten?

Tyler: Soweit es der Kalender zulässt, versuche ich das. Vor kurzem habe ich ein paar Konzerte in Israel gegeben. Da konnte ich zum Glück einige Tage im wunderbaren Tel Aviv anhängen. Und auf meine Südafrika-Tournee freue ich mich auch schon sehr. Ich fürchte nur, in Österreich werde ich kaum Zeit haben, mir etwas anzuschauen. Aber ich komme manchmal zum Skifahren her.

Hierzulande gibt es immer noch Vorurteile, was Briten und Skifahren anbelangt. Wie sind Sie unterwegs?

Tyler: Wahrscheinlich entspreche ich dem Klischee. Wir machen zwar jedes Jahr mit Freunden Skiurlaub, meistens in Italien, als gute Skifahrerin würde ich mich aber nicht bezeichnen. Ich finde, der Spaß besteht auch mehr darin, es von einer Hütte und einer Bar zur nächsten zu schaffen.

Wiener Stadthalle, Halle F, So 19.00

Linz, Brucknerhaus, Mo 20.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige