Film Neu im Kino

Geschichtsdoku: "Ein deutsches Leben"


Sabina Zeithammer
Lexikon | aus FALTER 14/17 vom 05.04.2017

Das Herz kann einem doppelt schwer werden, wenn man Brunhilde Pomsel zuhört. "Wegen einem Scheißpapier!" Es sei dumm von ihnen gewesen, meint sie, sichtlich betroffen, über die Geschwister Scholl. Nicht nur die Ermordung der Widerstandskämpfer und die ungemütliche Frage, ob man selbst in einer vergleichbaren Situation aktiv werden würde, werden damit aufgerufen. Schwer wiegt vor allem die Überzeugung Pomsels, dass die Scholls ihr Leben weggeworfen haben.

Die Angst, aus der Masse herauszutreten, die Bequemlichkeit, darin aufzugehen, und die gleichzeitige Konzentration auf die allerkleinsten Kreise des persönlichen Lebens, die gerade noch bis zu einem entfernten Interesse am Schicksal der jüdischen Freundin reichen, haben sich in Pomsels Erinnerungen über die Jahrzehnte fortgetragen.

Die im Jänner 2017 verstorbene ehemalige Sekretärin von Joseph Goebbels ist Protagonistin des Dokumentarfilms "Ein deutsches Leben" der Regisseure Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer. Ob die Tatsache, dass Pomsel sich als unschuldig betrachtet hat, dazu beitrug, sie ausschließlich in bleischweren, düsteren Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu zeigen, kann man sich fragen (auch ein Foto aus jüngeren Tagen hat hier offenbar keinen Platz). Die in der Mitte eines schwarzen Nichts platzierten Goebbels-Zitate haben wenig Wirkung, sorgfältig mit ihren Quellen ausgewiesene, interessante Archivmaterialien sind zum Teil erstmals zu sehen.

Es ist und bleibt aber vor allem die Erzählung der Zeitzeugin Pomsel, die in ihrer Offenheit irritiert, fasziniert und auf die eigene Person zurückwirft. Sie macht den Film zu einer hervorragenden Diskussionsgrundlage und einer wichtigen Mahnung, in der Gegenwart nicht wegzuschauen.

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