Musiktheater Kritik

Spitals-Gralsenthüllung als Staatsoperngottesdienst

HR | Lexikon | aus FALTER 14/17 vom 05.04.2017

Alvis Hermanis lässt Richard Wagners "Parsifal"-Bühnenweihefestpiel anno 1900 im Otto-Wagner-Spital am Steinhof spielen. Dort regiert in einem Flügel der überzeugende René Pape als Oberarzt Gurnemanz, da der Primar und verwundete Gralskönig Amfortas (im Leiden gut: Gerald Finley) selbst zum Patienten geworden ist. Christopher Ventris als reiner Tor mit Brustpanzer, vom guten Herrn Doktor väterlich abgemahnt, weil er einen Schwan erschossen hat, schaut sich den Gralsgottesdienst verständnislos wie ein Staatsbegräbnis an und lässt sich auch nicht wie die anderen Arztritter, Patienten und Promi-Gäste (darunter augenscheinlich Klimt im Malerkittel) Trank und Brot reichen.

Im zweiten Aufzug gerät er in die Pathologie des Spitals, wo der nicht in die Gralsritter-Ärztekammer aufgenommene Ritter Klingsor praktiziert, der sich dafür mit Hilfe Kundrys an Amfortas gerächt hat, die er durch Elektroschocks wiederbelebt und als Verführerin Parsifals erneut in seine Dienste nimmt. Klingsors Blumenmädchen sind gleich gekleidete, desinfiziert wirkende Retortengeschöpfe mit roten Perücken, derer sich Parsifal leicht erwehren kann, schwerer hat er es gegen die imposant singende Nina Stemme, die als Hetäre nun eine Art Klimt-goldenen Glitterfetzen samt Kopfschmuck tragen muss.

Wahrscheinlich widersteht er ihr auch deshalb, und es bleibt ihm nur noch, sich aus einem überdimensionalen Gehirnmodell den heiligen Speer zu grapschen und als neuer Gralskönig Kundry zu taufen, die ihm mit Wasser aus der Karaffe die Füße wäscht - die "Aue" kommt nur auf Kurrentschrifttafeln vor. Kenntnisreich in allen Nuancen zelebrierte Semyon Bychkow die Partitur betulich-langsam, musste aber Buh-Rufe einstecken, die noch viel eindeutiger (und zu Recht) dem Regisseur galten.

Staatsoper, So 16.30, Do 17.30


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