Kakteenliebhaber unter sich

Der Paarlauf Carl Spitzweg und Erwin Wurm sorgt ohne Verrenkungen für viel Amüsement

Ausstellungsrundgang: Nicole Scheyerer | Lexikon | aus FALTER 15/17 vom 12.04.2017


Foto: Erwin Wurm – „Selbstporträt als Essiggurkerl“, Leopold Museum

Ausstellungsrundgang: Nicole scheyerer

Jetzt heißt es Baucheinziehen: Den großen Ausstellungssaal des Leopold Museums verstellt derzeit Erwin Wurms begehbare Skulptur „Narrow House“. Wenn in dem schmalgeschrumpften Einfamilienhaus zwei Besucher aneinander vorbeigehen wollen, ist Körperkontakt kaum zu vermeiden.

So startet die Schau „Köstlich! Köstlich? Carl Spitzweg & Erwin Wurm“ gleich zu Beginn mit einem Mix aus Verlegenheit und Belustigung, der zu den beiden Künstlern passt. Aber was haben der 1885 verstorbene Maler von Spießbürgern und der Erfinder der „One-Minute-Sculptures“ sonst noch gemeinsam?

Es ist nicht nur die offensichtliche Lust am Spott, die Museumsdirektor Hans-Peter Wipplinger auf die Idee eines Duetts gebracht haben. Vielmehr reizte ihn die entlarvende Respektlosigkeit, die in den zunächst oft so harmlosen Bildern Spitzwegs lauert. Wer die Schau durchwandert, der kann sie auch als Parodie auf männliches Bedeutungsstreben lesen.

Spitzweg galt lange als liebster Maler der Deutschen, war aber trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb?) noch nie in Wien zu sehen. Unter den 110 jetzt versammelten Leihgaben sind sämtliche seiner Evergreens wie „Der arme Poet“ oder „Der Sonntagsspaziergang“ vertreten.

Nun war der Apotheker, der sich autodidaktisch zum Künstler aufschwang, aber keineswegs der Biedermann, als der er gemeinhin gilt. Seine liebevoll gemalten Kleinformate, die auf den ersten Blick oft wie Idyllen à la Waldmüller wirken, durchzieht eine Doppelbödigkeit.

Das wird zum Beispiel an der Enge und Verwinkeltheit deutlich, die seine Interieurs und Stadtansichten prägt. Während der steirische Polizistensohn Wurm die Enge seiner Herkunft durch ein proportional verzerrtes Haus zum Ausdruck brachte, bleibt in Spitzwegs gedrängt dargestellten Kammern und Gassen kein Winkel privat.

So hängt gegenüber den Blumenkästen von Wurms „Narrow House“ das Bild „Der abgefangene Liebesbrief“, bei dem die Mutter am Fenster noch vor der adressierten Tochter die über den Balkon herabgelassene amouröse Botschaft entdeckt.

Die hübschen Mädchen hält der ewige Junggeselle Spitzweg fast immer nur aus der Distanz fest. Die Grazien drehen dem Betrachter den Rücken zu, so etwa bei „Im Hausgarten“ oder in „Der Witwer“, der im Wald zwei Spaziergängerinnen nachschmachtet.

Die unterdrückte Libido kanalisieren Spitzwegs ungelenke Herren durch Liebhabereien, die kein Erhörtwerden verlangen. Wie die Faust aufs Auge passen Wurms Installation „Selbstporträt als Essiggurkerl“, die verschieden große Repliken des grünen Gemüses auf Sockeln platziert, zu Spitzwegs Bildern von Kakteensammlern. Diese Hobbybotaniker bewundern ihre phallischen Stachelgewächse mit ebenso länglich geformten, aber dafür frivol roten Nasen.

Zwei Mal war Spitzweg in Damen verliebt, die bereits vergeben waren. Enttäuscht widmete er sich fortan der Darstellung kauziger Außenseiter wie Dichtern, Naturforschern, Beamten oder scheinheiligen Mönchen, die aus ihrer Not eine Tugend machen.

Ein solches Exemplar zeigt auch das Bild „Der Bücherwurm“ von 1850, der mit fünf Bänden am Körper bestückt selbst einem Buchgestell gleicht. Daneben ist eine Handlungsanleitung des zeitgenössischen Künstlers zu finden. In seiner Arbeit „Take your most loved philosophers“ schlägt Wurm dem Betrachter vor, sich mit seinen Lieblingsbüchern als Ein-Minuten-Skulptur zu inszenieren. Dass philosophisch Denken eine deformierende Wirkung haben kann, legen die Skulpturen „Wittgenstein’s Space Warp“ und eine Fett-Version von Theodor W. Adorno nahe – Hommage und Spott zugleich.

Je mehr von Spitzwegs Gesellen man kennenlernt, desto sympathischer wird einem dieser Meister der Pinselpointe. In „Der Schmetterlingsfänger“ trifft ein wie vom Blitz getroffener Brillenträger auf einen Falter, der um ein x-faches größer als sein Fangnetz ist. Ein anderes Bild zeigt einen Sonntagsjäger, der just im Moment der Jause ein Reh erblickt.

Aber nicht nur durch Pannen nimmt Spitzweg männliche Ziele aufs Korn, er greift auch virile Institutionen wie das Soldatentum an. Anstatt sich dem Feind entgegenzustellen, porträtiert er die wehrhafte Klasse beim Fliegenfangen, Pfeifenstopfen und sogar beim Sockenstricken.

Das Spiel mit der Autorität der Uniform versteht auch Wurm, der eine überdimensionale Polizeimütze so an die Wand hängt, dass die Besucher sich darunterstellen können. Bezeichnenderweise verschwindet das Gesicht der Personen hinter der Schirmkappe, deren Autorität auf diese Weise ins Lächerliche gezogen wird.

Spitzweg, der seine kreative Laufbahn als Illustrator für Wochenzeitschriften begann, hat die Macht der Zensur wohl gekannt, sie aber nie herausgefordert. Seine Bilder verkauften sich so gut, dass er einige davon sogar öfters malte.

Wieder eine Gemeinsamkeit mit Wurm, dessen Kunst gefragter ist denn je. Ist Wurm am Ende gar der Spitzweg von heute?

Leopold Museum, bis 19.6.


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