Selbstversuch

Das Wasser lärmte, es war schön


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 15/17 vom 12.04.2017

Fünf Tage, fünf Städte, fünf Hotels. In Innsbruck eine feine Crowd in einer Buchhandlung. Als ich andernmorgens meinen Koffer zum Lift zog, stand davor eine amerikanische Familie, alle trugen Tiroler-Hüte. Strange indeed. Ich zog meinen Koffer durch den Regen zum Bahnhof und fuhr nach Zürich, endlich wieder einmal. Dort stieg ich aus dem Zug, und auch wenn es die Wiener nicht gern hören: Die Männer in Zürich sind signifikant besser angezogen und frisiert, ist so, sori. Das neue Bahnhofsviertel ist dagegen ein Albtraum, grauenhaft, die toteste Architektur der Welt. In meinem Lieblingshotel gab es noch immer kein Leihfahrrad, aber nebenan hat ein Veloladen eröffnet, die borgten mir eins. Ich fuhr den See entlang. Es war kalt, windig und schön. Die Schwäne ankerten nah am Ufer, das Wasser war silbern und wild.

Ich fuhr in die Kanzleistraße und traf in einem Restaurant Haemmerli. Ich hatte Haemmerli schon länger nicht gesehen und er hatte sich verändert, nicht nur durch die Vaterschaft. Irgendwas war anders an Haemmerli, ich brauchte lange, bis ich schnallte: Ah, sie hatten ihm die Brille wegoperiert, in Mexiko. Haemmerli erzählte, dass sie ihm den Zinken auch gleich noch verkleinern wollten, wäre in einem gegangen, machen sie dort immer; Haemmerli musste behaupten, er sei Charakterdarsteller beim Film, um seine Nase zu retten. Ich bin froh, dass er sie noch hat, ich hätte ihn sonst nicht wiedererkannt. Er hat auch noch seine stilvollen Hemden und sein Atelier, und dort drehten wir ein langes, lustiges Video-Gespräch, bei dem Haemmerli vergaß, das Mikrofon einzuschalten, und als wir es am nächsten Tag nochmal drehten, war es natürlich nur noch halb so lustig. Sehr feiner Abend im wunderbaren Kaufleuten und dann im Kaufleuten-Restaurant, und danach radelte ich den schwarzen See entlang zurück ins Hotel.

Ich fuhr nach St. Gallen am nächsten Tag, Dylans "Someone's Got a Hold of My Heart" im Ohr, aß auf einem Berg ein erstaunlich gutes Wiener Schnitzel, las vor freundlichen Menschen in der Unibibliothek, schlief in einem netten Hotel und fuhr dann weiter nach Singen. Irgendwo am Weg verlor ich mein Bisovsky-Tuch, das betrübte mich sehr. In Singen las ich bei einem grenzübergreifenden Festival und traf anderntags am Frühstücksbuffet den Hamburger Schriftsteller Jochen Metzger, der beim selben Festival las. Wir zogen unsere Koffer durch die Fußgängerzone zum Bahnhof und fuhren nach Schaffhausen. Schaffhausen ist schön, und später gingen wir den Rhein entlang zu den Wasserfällen. Die Sonne schien, das Wasser lärmte und war ganz türkis, hätte nicht besser sein können. Wir fuhren in einem gelben Boot in die Mitte des Flusses, staunten, dann aßen wir Egli am Ufer. Bei der Lesung am Abend lernte ich zwei Frauen kennen, die Doris Knecht hießen.

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Zug nach Wien, "Pleasure" von Feist im Ohr, and yes, thank you: war es.

Doris Knechts neuer Roman "Alles über Beziehungen" erschien eben bei Rowohlt Berlin


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