Kritik

Inzest verhindert, Pflicht erfüllt


MP
Lexikon | aus FALTER 15/17 vom 12.04.2017

Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" (1779) hat das Problem, von außen wie ein wahnsinnig aktuelles Stück auszusehen, weil es um Religionen geht: Im Jerusalem der Kreuzzüge-Ära prallen Christentum, Judentum und Islam aufeinander und versöhnen sich dann auf eher verkorkste Art und Weise. Das Stück selbst hat innen drin dann aber nicht wirklich etwas zu komplexen Kulturkonflikten zu sagen, außer: Wir sind doch alle Menschen.

Man erzählt also einfach die Geschichte eines umständlich verhinderten Inzests nach: Da ist der Jude (Günter Franzmeier), der ein Christenmädchen (Katharina Klar) als Jüdin aufgezogen hat, die ihre christliche Herkunft nicht kennt und die der christliche Tempelherr (Christoph Rothenbuchner) trotzdem heiraten möchte, bis endlich ans Licht kommt, was längst alle ahnten: dass die beiden in Wirklichkeit Geschwister sind und zwar Neffe und Nichte eines muslimischen Sultans (Gábor Biedermann) und seiner Schwester (Steffi Krautz). "Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang", lautet die finale Regieanweisung.

Nikolaus Habjan setzt sie nicht um (fast schade!), sondern lässt stattdessen alle Beteiligten außer Nathan in ein Koma fallen und von diesem liebevoll mit weißen Tüchern zudecken. Vielleicht, legt er nahe, bildete sich Nathan den ganzen Plot nur ein, als er seine ganze Familie verbrannt vorfand. Eine stichhaltige Lesart, die das davor erlebte vielstimmige Wehklagen aber nicht weniger öd macht. Die Schauspieler schmeißen sich voll rein ins pathetische Spiel, ebenso die - für Habjan erstaunlich wenigen, nämlich zwei - gewohnt gut gebauten und gelenkten Puppen: der Patriarch im Rollstuhl und ein Franzmeier-Imitat, das Nathans Gedanken wiedergibt und auch die geniale Idee hat, dem Sultan eine Ringparabel vorzusetzen.

Pflicht erfüllt, weiter geht's.

Volkstheater, Sa 19.30, So 15.00


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