Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Das Binnen-I


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Falter & Meinung | aus FALTER 16/17 vom 19.04.2017

Der Anlass war ein Volksbegehren. Das Frauenvolksbegehren erhielt etwa halb so viele Unterschriften wie das Gentechnik-Volksbegehren (dieses wurde naturgemäß massiv von der Krone unterstützt), war mit 645.000 Stimmen aber immer noch respektabel. Der Falter nahm sich einer drängenden Debatte an. Der Chefredakteur wandte sich an den lieben Leser und die liebe Leserin und wiederholte die Begründung, warum der Falter das Binnen-I nicht verwende. "Erstmals gegeben wurde sie bereits in Falter 30/1988. Am Falter-Reinheitsgebot hat sich seither nichts geändert. Diskriminierung erscheint uns nicht sinnvoll, weder sprachlich noch sonst wie. Es scheint uns sinnvoller, im Zweifelsfall eine geschlechtsneutrale Formulierung zu finden, als das Nachdenken mittels Korrektheitsemblemen wie ,I'oder ,/innen' zu ersparen. Diese Embleme sind nicht nur hässlich, sie stehen für eine Art Technokratie der Korrektheit."

Im Blatt schrieb Doris Knecht einen großen Bericht zum Thema, der zum gleichen Schluss kam. Das ästhetische Argument überwog. Knecht zitierte die feministische Linguistin Luise Pusch, die im Sinn der "Aufdeckung, Bewusstmachung und schließlichen Abschaffung der zahlreichen ,geronnenen Sexismen in unserer Sprachen'" Irritationen und Hässlichkeiten in Kauf nahm. Die Linguistinnen Néla Perle und Karin Wetschanow vom Büro "Splitting Image" beharrten ebenfalls darauf, dass sich sprachliche Verfestigungen gegen Frauen wenden ließen. Beispiel: Als die Schweizer den Schweizerinnen das Wahlrecht verweigerten, beriefen sie sich auf die Verfassung, die nur Schweizer kennt.

Der Falter gab, um den Ernstfall zu teste, gleich eine Kolumne "Nüchtern betrachtet" zur feministischen Behandlung an das Büro, und siehe da, es kamen drei Binnen-I hinein, und die Sache war korrekt. Nüchterns spielerisch rassistischer, gegen die Bewohner Vorarlbergs gewendeter Chauvinismus bleib hingegen unbeanstandet. Auch Knecht blieb am Ende mit Konrad-Paul dabei: ein Großbuchstabe im Wortinneren sei "potthässlich".

Zwei Volksbegehren dominierten das Cover von Falter 16/1997. Außerdem gab's Storys über Anarchos und Koks in Wien, Johnny Depp und Pop


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