Selbstversuch

Ich sag das jetzt einfach jeden Morgen


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 16/17 vom 19.04.2017

Kürzlich schickte mir eine Freundin ein Foto von früher: sie, ich, noch zwei Freundinnen aus der Mittelschule. Das Foto war putzig, vier fröhliche, herumalbernde Mittelschülerinnen, und ich sehe nett darauf aus und zeigte es stolz den Teenagerinnen: Schaut her, ich war auch mal so süß! Die Teenagerinnen sofort: Wie alt warst du da? Na, so ungefähr wie ihr jetzt, 15 oder so. Die Teenagerinnen: Weil es ist dir vielleicht in deiner Euphorie nicht aufgefallen, aber auf dem Foto hältst du eine Zigarette in der Hand, hier, siehst du?

Das ist nicht meine Hand, das war nicht meine Zigarette, wir waren da, jetzt fällt's mir wieder ein, doch viel älter und jetzt seh ich's erst, das auf dem Foto bin gar nicht ich, das ist eine Schulkollegin, die mir sehr ähnlich sah, wir wurden ständig verwechselt. Die Teenager so: Eh.

Hinweis an alle, die grad Kinder kriegen: Am besten sofort alle Fotoalben von früher verbrennen, und alle alten Zeugnisse gleich mit und aufpassen, dass die eigenen Teenager nie Leute von früher kennenlernen. Alles andere untergräbt die eigene Autorität, und je älter die Kinder werden umso mehr.

Andererseits ist das Foto wurscht. Immer hat es geheißen, man muss den Kindern ein gutes Vorbild sein, das ist das Wichtigste, und dann stellt sich heraus: Stimmt gar nicht. Jedenfalls nicht bei allen. Speziell offenbar nicht bei dieser Zigaretten- Sache. Es gibt eine Studie, die auch das Gesundheitsministerium zitiert, dass, wenn es darum geht, die eigenen Kinder vom Rauchen abzuhalten, die Vorbildwirkung in der Tat zweitrangig ist. Erstrangig dagegen ist es offenbar, den Kindern ganz klar zu sagen, dass man nicht will, dass sie rauchen. Ich will nicht, dass du rauchst. Wenn man die Ablehnung deutlich macht, fangen Teenager offenbar signifikant seltener an zu rauchen, als wenn man es nicht tut. Und es scheint nicht so wichtig zu sein, ob man, während man dieses Anti-Rauch-Statement formuliert, selber an einer Zigarette zieht oder nicht. Hauptsache, man sagt es.

Insofern ist dieses Jugendfoto egal, und ich sage meinen Teenagern jetzt einfach jeden Tag schon zum Frühstück, dass ich nicht möchte, dass sie rauchen. Jaaaaa, Mutter. Und das ist vielleicht auch der einzige Sinn an diesem neuen Gesetz, das Jugendlichen bis 18 das Rauchen verbieten wird (was alle jetzt 16-Jährigen in die lustige Situation bringt, dass sie jetzt rauchen dürfen, nächstes Jahr aber nicht mehr). Andererseits sagen die Teenager zu dem neuen Gesetz: Ehhhh. Und: Eh wurscht. Weil warum: Es ist, wie mir die Teenager berichten, überhaupt kein Problem für eine 14-Jährige, sich in der Trafik Zigaretten zu kaufen oder im Supermarkt Wodka. Weil so gut wie nie ein Ausweis verlangt wird. Und wenn das weiterhin so bleibt - was es, wir sind in Österreich, wird -ist das Gesetz sowieso zum Schuheaufblasen.

Ich sag's einfach weiterhin jeden Morgen: Und nicht rauchen, Kinder, gell. Und die Kinder: Zeig uns doch nochmal das Foto. Eh.


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