Film Festivaltipp

Anständige Bürger: "Die Liebhaberin"

EVA KLEINSCHWÄRZER | Lexikon | aus FALTER 16/17 vom 19.04.2017

Wenn Grenzzäune, Mauern und Bubbles regelmäßig im Fokus soziopolitischer Überlegungen stehen, kann es lohnenswert sein, ein verdichtetes Bild gesellschaftlicher Spaltung in einem surrealen Rahmen zu verhandeln. Lukas Valenta Rinner lässt in "Die Liebhaberin" ("Los Decentes") zwei Lebensrealitäten aufeinanderprallen und zeigt gleichzeitig, wie erstaunlich ähnlich sich grundlegende Strukturen von Gemeinschaft äußern. Ausgezeichnet mit dem Preis für den besten Spielfilm der Diagonale hat der Film beim Cine Latino Festival nun Wien-Premiere.

In einer hermetisch abgeriegelten und bewachten Reichensiedlung an der Peripherie von Buenos Aires arbeitet Belén als 24/7-Hausmädchen in einer modernen Form der Sklaverei. Obwohl sich die Herrin des Hauses mit emotionalen Übergriffen und vermeintlich großzügigen Gesten gerne einredet, dass Belèn sicher gerne hier lebt, ist klar, dass diese nicht Mensch, sondern Person ist. Hinter den Zäunen und Schranken der Siedlung aber wartet die große Freiheit, so scheint es Belén, als sie entdeckt, dass direkt nebenan eine Gemeinschaft von Nudisten lebt, und sie beschließt, sich dieser Gruppe in ihrer freien Zeit anzuschließen. Dort wird sie offen aufgenommen und durchlebt nach und nach ihre persönliche Befreiung, die am Ende auf radikale Weise zu politischer Selbstbestimmung führt.

Überzeichnet und mit Hang zum Absurden lässt Rinner einen Dualismus nach dem anderen aufgehen und auf seltsame Weise doch ins Leere laufen: wild-gezähmt, arm-reich, experimentell-konservativ. Nicht im Dialog, sondern in bildstarken Tableaux vivants erkundet der Film die Lebensrealitäten zweier abgeschotteter Gemeinschaften. Entlagert in diese surreal anmutende Umgebung wirkt der Film als Allegorie und zeigt in letzter Konsequenz, welche Dynamiken sich durch Ausgrenzung und Gruppenzugehörigkeit entwickeln.

Filmcasino, Mi 20.30 (OmenglU)


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