Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Laufsteg der Welt der Woche


MATTHIAS DUSINI
Feuilleton | aus FALTER 16/17 vom 19.04.2017

Der Prunk des Rokoko trifft in dieser Ausstellung die zeitgenössische Haute Couture, der Hausherr Prinz Eugen auf die Pariser Fashionikonen John Galliano oder Karl Lagerfeld. Zusammengehalten wird das Gipfeltreffen des Luxus und der Exklusivität durch ein Thema, das ganz andere Assoziationen auslöst, die Vulgarität.

Die Ausstellung "Vulgär?"(bis 25.6.) im Winterpalais des Belvedere ist das seltene Beispiel einer intelligenten Vermittlung von Mode. Zu sehen sind Beispiele des Schneiderns auf höchstem Niveau, etwa Martin Margielas monströse Maskierungen oder Christian Lacroix' Hommagen an die provenzalischen Bauern. Was die Schau so besonders macht, ist der ebenso leidenschaftliche wie reflektierte Umgang der Künstler mit Tradition. Lassen sich die gebauschten, tief dekolletierten Brokatroben Marie Antoinettes, der Gattin Ludwigs XVI., denn überhaupt übertreffen?

In den vergoldeten und verspiegelten Sälen wird sichtbar, wie unerreichbar subtil die Schneider aristokratische Etikette mit erotischer Anziehung verknüpften. Nie wieder konnten die Designerinnen und Designer für ein derart geschultes Publikum arbeiten, das ein entblößter Nacken oder ein hoher Schuhabsatz in Ekstase versetzte. Lange bevor die Gendertheorie die Auflösung der Geschlechtertrennung forderte, stolzierten die Dragkings undqueens durch Versailles oder Schloss Schönbrunn.

Lagerfeld &Co geben sich Mühe, den Kahlschlag vergessen zu machen, den die bürgerlichen Klemmis nach der Revolution 1789 in der Schule des Geschmacks hinterließen. Sie müssen bis heute mit dem bürgerlichen Ressentiment leben, für die vulgäre Verschwendungssucht von Magnaten zuständig zu sein. Im Winterpalais dürfen sie unter ihresgleichen posieren.


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