Kunst Kritik

Vieldeutig: Das weiße Mädchen mit der Taube

NS | Lexikon | aus FALTER 16/17 vom 19.04.2017

In der Kunst von Dominik Lang taucht immer wieder die Figur eines kleinen Mädchens auf. Bei der erstmals auf der Biennale in Venedig 2011 gezeigten Plastik handelt sich aber um keine eigene Skulptur des Prager Künstlers, sondern um eine Arbeit seines 1996 verstorbenen Vaters. Der Bildhauer Jirí Lang hat sie Ende der 1950er-Jahre in der Tschechoslowakei geschaffen, bevor er der realistischen Doktrin abschwor und in der Folge nicht mehr ausstellen konnte. Der Sohn ist mit der Bronze im väterlichen Atelier aufgewachsen, sie hatte lange nur einen sentimentalen Wert für ihn.

"Girl with a pigeon and its copies" titelt nun seine Schau in der Galerie Krobath, für die Lang Gipsabgüsse des Originals produziert hat. Durch diese Vervielfachung kann der 1980 geborene Künstler das Mädchen in Bewegung versetzen. So lugt das Gör aus Gips nun aus dem dunklen Hinterzimmer der Galerie hervor, schnüffelt im Büro herum oder vertreibt sich die Zeit mit ihrem Vogel. Besonders die auf dem Boden platzierte Figur zieht die Blicke auf sich: Sie ist gebrochen, nicht nur an Armen und Beinen, sondern auch in der Leibesmitte, so als hätte man sie gewaltvoll geknickt und wäre dabei in Stücke gegangen. Wo gerade noch kindliche Unschuld und Intaktheit vorherrschte, steht nun der Bruch.

Aber warum greift Lang überhaupt das klischeebehaftete Kind-mit-Taube-Bild auf? Über die Referenz an seinen Vater schafft es der Künstler, in seinen Installationen immer noch den Zeitgeist und die Kunstideologie des Sozialismus mitschwingen zu lassen. Der Filius wirft via väterlichen Nachlass Fragen über Original und Kopie, Autorenschaft, den Kontext und das Nachleben von Kunst auf. Er erinnert auch an das kunsthistorische Erbe des Ostblocks: Ist diese Art von verordnetem Realismus nach heutigen Kriterien überhaupt noch Kunst?

Galerie Krobath, bis 31.5.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige