Kunst Kritik

Stachelige Schnuller und rote Stelzenbeine

NS | Lexikon | aus FALTER 16/17 vom 19.04.2017

Die Prothese als echtes Objekt und als Metapher für menschliche Unvollkommenheit hat in der Kunst schon seit dem Surrealismus Konjunktur. Später haben feministische Künstlerinnen prothesenartige Skulpturen geschaffen oder solche falschen Körperteile für Aktionen verwendet, etwa um den Phallus als behelfsartigen Fetisch zu entlarven. In diese Richtung geht auch die sehenswerte Gruppenschau "Pro(s)thesis", die derzeit in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste läuft. Dort ist Rebecca Horns Videoperformance "Bleistiftmaske" von 1972 zu sehen.

Dabei trägt die deutsche Künstlerin eine unheimliche Apparatur aus Lederriemen und Stiften vor dem Gesicht, durch die ihr Kopf zu einem Schreibgerät wird. Auf stachelige Kritik am Patriarchat versteht sich auch Renate Bertlmann. Sie versah Anfang der 1980er Schnuller mit Messern und brachte so die versorgende und die bedrohliche Seiten von Weiblichkeit zusammen. Weniger bekannt sind die hippiesken Körperschmuckentwürfe von Brigitte Lang, die sie 1984 als "Abwehrreaktionen" betitelte.

Bei den jüngeren Positionen haben die Kuratorinnen Berenice Pahl und Felicitas Thun-Hohenstein auch zwei Künstlerinnen eingeladen, die ihre Stigmatisierung zum Thema machen. Wie ein Seeungeheuer inszeniert sich die Japanerin Mari Katayama in einem Foto, das sie am Strand mit einem krabbenartigen Kostüm über ihren verkürzten Beinen darstellt. Performancevideos zeigen die US-Künstlerin Lisa Bufano, der aufgrund einer Infektion Hände und Unterschenkel amputiert werden mussten. Die frühere Tänzerin benützt dabei Prothesen, die wie Tischbeine aussehen und wie Stelzen wirken. Nicht übersehen: Die Ausstellung geht auch noch nebenan bei den Alten Meistern weiter. Am 29. 4. führen die Kuratorinnen um 15 Uhr zu "Humor und Widerstand".

Akademie d. b. Künste, xhibit, bis 14.5.


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