Buch der Stunde

Im Frühjahr beginnen die Bienen zu tanzen

SEBASTIAN KIEFER | BÜCHER : PLATTEN FEUILLETON | aus FALTER 17/17 vom 26.04.2017

Schon in der Antike beobachtete man, dass zum Stock zurückgekehrte Bienen oft eine Art Tanz vor den Kameradinnen vollführen. Sie bewegen die Flügel, wackeln mit dem Hinterleib und laufen abgemessene Runden. Erst heute verstehen wir langsam, was es damit wirklich auf sich hat. Bienen können auf verschiedene Weise Ort und Entfernung von Nektar, Pollen, Wasser, Harz, einer neuen Niststelle kommunizieren.

Randolf Menzel, der sein Forscherleben den Bienen widmete, entdeckte, dass diese sich für elektrische Spulen interessieren, bei bestimmten Frequenzen und Feldstärken jedoch aggressiv reagieren. Das brachte ihn auf die Idee, dass der Schwänzeltanz elektrostatisch funktionieren könnte, und dem ist so. Anders ist es gar nicht zu erklären, wie eine Biene, umringt von vielen Kameradinnen, ihre Signale im Stock vermitteln sollte.

Es kostete Jahrzehnte Experimentarbeit, scheinbar marginale Dinge zu verstehen. Davon zu erzählen ist Menzel auch nach einem halben Jahrhundert keineswegs müde geworden. Letztlich ist ein Forscher wie er, so säkular er sich auch gibt, im Grunde auf der Suche nach einem der größten metaphysischen Geheimnisse: Wie aus materiellen Prozessen intelligentes und (wahrscheinlich) fühlendes Leben entstehen kann.

Ein einziges Neuron im ein Milligramm schweren Bienengehirn kann Wunder bergen, die moderne Computer und Biochemie für uns offenlegen, und doch werden wir vielleicht nie verstehen, wie und ob das 80 Milligramm schwere, behaarte Lebewesen fühlen kann, was es heißt, dass es ähnlich wie wir im Schlaf die Erfahrungen des Tages nacherleben kann, wie es möglich ist, dass, wenn ein neuer Nistplatz gesucht wird, die Bienen eine Art Kolloquium abhalten, bis sich eine "Meinung" durchgesetzt hat.

Dieses Lebewesen kann komplexe Abwägungen treffen: "Manche Schwänzeltänze werden offenbar als fehlerhaft (oder lügnerisch?) erkannt: Liegt der vom Tanz gewiesene Futterort zum Beispiel in einem See (wo es keine Bienennahrung gibt), bleibt der Tanz unbeachtet."


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