BUNDESLÄNDER

Stockholm-Syndrom, Empathie und Boléro

Das neue Team des Donaufestivals Bettina Kogler und Thomas Edlinger setzt auf Diskurs und Performance


MARTIN PESL
BUNDESLÄNDER : PROGRAMM | aus FALTER 17/17 vom 26.04.2017

Thomas Edlinger, der neue Leiter des Donaufestivals, hat die Empathie in den Fokus seiner ersten Saison gestellt. "Du steckst mich an", frohlockt das augenzwinkernd vorwurfsvolle Motto von Drucksorten und Webseiten. Wie die empathische Ansteckung funktioniert und was ihre guten und schlechten Seiten sind, das wird Edlinger selbst in einigen Diskursformaten mit diversen Gästen erklären.

In dem täglich stattfindenden Format "Stockholm-Syndrom" wird die Empathie des Publikums herausgefordert. Was stattfindet, wird nicht verraten! Werden wir uns in etwas hineinfühlen können, das wir nicht kennen? Werden wir uns in die Entführer verlieben? Werden es an einem der Tage die Einstürzenden Neubauten sein, die am 1. Mai im Kremser Stadtsaal spielen?

Für das Performance-Programm hat Edlinger eine eigene Kuratorin eingesetzt: Bettina Kogler bereitet in Wien nebenbei ihre Übernahme des Tanzquartiers vor und ist eine veritable Expertin auf dem Gebiet. Eine alte Bekannte nimmt sie aus der Hauptstadt mit: Doris Uhlich wird mit ihrer 30-köpfigen Gruppe von nackten Tänzerinnen und Tänzern aus dem legendären Stück "more than naked" die Dominikanerkirche zum Erbeben bringen, und das fünf Stunden lang ("Habitat", 29. und 30.4.). In "Situation mit Doppelgänger" untersuchen indes der Regisseur Oliver Zahn und der Kulturwissenschaftler Julian Warner twerkend und schuhplattelnd, wann es wie okay ist, sich als Weiße Elemente afroamerikanischer Kultur anzueignen - gut gemeint hin oder her (30.4. und 1.5.). Die schwarze Künstlerin Ligia Lewis, die in der Dominikanischen Republik geboren ist, nimmt wiederum den weißen Kanon auseinander und lässt unter anderem zum "Boléro" von Maurice Ravel tanzen ("minor matter", 28. und 29.4.). Es muss aber nicht Tanz sein: Während sich "The Empire Strikes Back: Kingdom of the Synthetic" von Ariel Efraim Ashbel und Freunden wie ein spektakulär ausgestattetes Geek-Konzert ausnimmt (28. bis 30.4.), performen bei Kris Verdoncks "In Void" gleich keine Menschen, sondern gruselige Objekte und zappelnde Roboter (an allen Festivaltagen).

Und zum Abschluss muss es natürlich noch eine Schlagernacht geben. Nicht wirklich, aber die Performance "mutwillig, Shayne" über den 1944 geborenen libanesischen Sänger Ricky Shayne, der um 1970 die BRD-Charts eroberte, sticht doch besonders bunt aus dem Programm hervor. Shaynes Sohn wirkt mit und, wie es heißt, auch er selbst (5. und 6.5.).

Donaufestival, 28. April bis 6. Mai an diversen Spielorten in Krems an der Donau


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