Theater Kritik

Was bleibt von Bleiburg? Schönes Scheitern


MP
LEXIKON : THEATER | aus FALTER 17/17 vom 26.04.2017

Dokumente des Scheiterns gehören zu den schönsten Produktionen, etwa der Terry-Gilliam-Film "Lost in La Mancha" oder Markus Kupferblums Opernersatzkabarett "Die verlassene Dido". An diese besonderen Selbstreflexionen erinnert auch der Abend "Blei", den die Autorin Ivna Žic zusammen mit dem Regisseur Tomas Schweigen und dem Schauspielhaus-Team entwickelt hat. Thema ist das sogenannte "Massaker von Bleiburg" im Jahr 1945, eine Serie von Kriegsverbrechen, die so komplex ist, dass schon die Wikipedia-Lektüre Kopfweh bereitet. Der Großvater von Ivna Žic war jedenfalls irgendwie an dieser historisch umstrittenen Tragödie beteiligt.

Wie soll man daraus ein Stück machen? Dass es fast nicht geht, erkannten die Beteiligten schon früh. Sie filmten ihre Recherchen, Interviews, Proben, Gespräche und Frustrationen mit. Auf der Bühne nun synchronisieren Vera von Gunten, Jesse Inman und Sebastian Schindegger den Film (in dem sie selbst, aber auch Zeitzeugen, Wissenschaftler, das Regieteam und die Autorin vorkommen), und Jacob Suske spielt dazu fast durchgehend sanfte Musik. Persönliche Gedanken der Autorin, an den Opa gerichtet, fügen die Teile zusammen.

Als Diskussionsbeitrag zu Bleiburg nimmt das Team den eigenen Abend damit aus dem Rennen. Die Kapitulation vor dem historischen Material erfolgt mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit, sodass man gerne stattdessen etwas darüber erfährt, wie ein Rechercheprojekt entsteht -und sich in einer Masse an Fakten, Zahlen und Unschärfen verläuft. Bis am Ende Sebastian Schindegger, noch notdürftig als "der Großvater" maskiert, die Contenance verliert und ruft: "Dabei trägt so ein Ereignis doch die schiere Verunsicherung von jeglicher Ordnung in sich, auf allen Seiten!" Und da spürt man, dass dieses Stück plötzlich doch die ganze Zeit von Bleiburg erzählt hat. Sehr berührend. Schauspielhaus, Fr, Sa, Do 20.00


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