Mitnehmen oder gleich essen?

Zwei Quereinsteigerinnen eröffneten die etwas andere Greißlerei


LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER
ESSEN TRINKEN STADTLEBEN | aus FALTER 17/17 vom 26.04.2017


Foto: Heribert Corn

Vielleicht erleben wir ja gerade so eine Art Paradigmenwechsel. Vielleicht hat sich jetzt tatsächlich ein Bewusstsein manifestiert, dass es nicht zwangsläufig teurer ist, nachhaltig produzierte Lebensmittel mit Maß zu kaufen anstelle industriell produzierten Mists, von dem man dann eh wieder die Hälfte wegschmeißt.

Und vielleicht fangen wir ja langsam an zu akzeptieren, dass sich ein eventuell etwas höherer Preis durch einen effektiv höheren Genuss und in weiterer Folge durch gesteigerte Lebensqualität rechtfertigen lässt. Wunschdenken eines naiven Weltverbesserers in der Foodie-Blase?

Die Tatsache, dass die beiden Schwestern Stephanie Wanits und Christiane Wenighofer vor einem Monat eine neue Greißlerei mit ausgesucht feinen Dingen und mit explizit wenig Verpackung eröffnet haben, darf jedenfalls als Indikator für diese ersehnte Trendwende fungieren. Noch dazu, wo das Geschäft in einer früheren Billa-Filiale aufmachte.

Ursprünglich wollten die beiden ein Café machen, der Plan wurde aber geändert, als sich diese Immobilie anbot, auch weil das Grätzel ohnehin die Wunschdestination der beiden war. „Im Dritten tut sich gerade was, der Dritte ist im Kommen“, ist sich Stephanie Wanits sicher.

Das Business-Modell der Schwestern wirkt nicht übermäßig kompliziert: „Alles, was wir selber gerne kaufen würden, alles, was uns Spaß macht“. Das klingt jetzt ein bisschen gefährlich, allerdings machen den beiden erfreulicherweise lauter gute Sachen Spaß, Brot vom Gragger zum Beispiel, Schinken vom Thum, Käse aus dem Bregenzerwald und von burgenländischen Biobauern, handwerklicher Senf aus Bad Aussee, Pasta und Sugo vom Biopionier La Selva aus der Toskana, Eierteigware aus dem Waldviertel, Marmeladeraritäten aus einem uralten Obstgarten in Guntrams, Butter- und Sauermilch in Glasflaschen aus Langschlag, Bier vom Ötscher. Alles direkt von den Produzenten unter Vermeidung teurer Zwischenhändler.

Will man alles haben, kann man alles kaufen und sich vieles davon auch gleich vor Ort auf ein Brett schneiden lassen – die Warenhandlung Wenighofer & Wanits hat in ihrer boutiquenhaften Anmutung nämlich auch großzügig Platz für einen Tisch mit acht Sitzplätzen. Die Kipferln, Golatschen, Strudel und Buchteln auf dem Backblech stammen übrigens auch vom Gragger und werden hier in einem von ihm installierten Backofen fertiggebacken, der Kaffee dazu ist von der Koffeinschmiede ein paar Gassen weiter und wirklich super.

Und wenn man dann vom Brett genascht (€ 7,90), Craft-Beer getrunken (€ 2,50), Buchteln verzehrt (€ 3,50) und Kaffee geschlürft (€ 1,90) und außerdem noch Felsenbirnenmarmelade und Sauermilch mitgenommen hat, ist man schon ein bisschen überrascht – kostet ein Drittel weniger als gedacht. Der Wandel kann kommen.

Resümee:

Eine bezaubernd schöne Greißlerei mit lauter guten Sachen direkt vom Erzeuger – die man auch gleich vor Ort verzehren kann.

Warenhandlung Wenighofer & Wanits
3., Marxerg. 13
Tel. 0660/468 08 20
Mo–Fr 7.15–18, Sa 8–13 Uhr
www.warenhandlung.at


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