Kunst Kritik

Schwindelerregende Malerei, kippender Protest

NS | LEXIKON : KINDER : KUNST | aus FALTER 17/17 vom 26.04.2017

Als der Falter vor vielen Jahren ein Interview mit Alfons Schilling (1934-2013) führte, durfte auf Wunsch des Künstlers kein Aufnahmegerät laufen und auch kein Kuli gezückt werden. Der gebürtige Schweizer gab herrliche Anekdoten zum Besten, sein Gesicht verdüsterte sich aber beim Namen Damien Hirst, hatte der Brite doch damals mit seinen runden "Spin Paintings" viel Erfolg. Alles abgekupfert, ärgerte sich Schilling, der bereits 1962 kreisende Leinwandscheiben mit Farbe bespritzt hatte. In der Retrospektive bei Westlicht ist auch der so tolle wie schwindelerregende Kurzfilm "Cosmos Action Painting/Desperate Motion" über Schillings Arbeit an der rotierenden Malmaschine zu sehen.

Im Mittelpunkt der Schau steht aber das fotografisch-experimentelle Werk des Künstlers, der nach Basel, Wien und Paris lange in New York lebte. Dass er ein cooler Hund war, belegt bereits sein 1968 produzierter Bogen "Selbstporträt als Briefmarke" am Beginn der Schau. Schilling reizte zeitlebens die Darstellung von Bewegung, wofür er immer neue Wege beschritt. Da hängen seine Linsenrasterfotografien, etwa das gekonnt gemacht Wackelbild "Falling Man", dessen Taumeln an (drogen)erweiterte Bewusstseinszustände denken lässt.

Besonders intensiv wird Schillings Kunst bei den Kippbildern, die er von den Studentenprotesten 1968 in Chicago produzierte. Da sind dann im Wechsel ein Polizist mit Waffe und die mit den Anti-Vietnam-Demonstranten solidarischen Schriftsteller Jean Genet und William S. Burroughs zu sehen.

Weniger packend fallen die Stereofotografien aus, von denen der Künstler viele Serien entwickelt hat. Da würde man schon lieber mit einer von Schillings großen, tragbaren "Sehmaschinen", die an Leonardo da Vinci gemahnen, in Richtung Horizont losmarschieren. Westlicht, bis 14.5.


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