Tiere

Wunderwuzzi

KOLUMNEN | aus FALTER 18/17 vom 03.05.2017


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Hab ich einfach einige Jahre verschlafen und wache gerade wie Rip van Winkle in einer veränderten Welt auf? Noch vor wenigen Jahren war das Essen von Insekten entweder skurrile Mutprobe unter alkoholisierten Partygästen, ekeliges Programm für Dschungelcampinsassen oder Tieren vorbehalten. Aber plötzlich gibt das Gesundheitsministerium gemeinsam mit der Veterinärmedizinischen Universität einen Leitfaden für den Konsum von Insekten heraus. Man weist dabei auf die gesellschaftliche Entwicklung, Heuschrecken, Zikaden und Käfer zu verspeisen, hin und betont, dass viele dieser Tiere aufgrund ihres hohen Nährstoffgehaltes grundsätzlich auch zu einer gesunden Ernährung beitragen. Zum Schutz der Konsumenten gibt es jetzt sogar eine eigene Kennzeichnung und Sicherheitskriterien. Und eines nahen Tages werde ich mich darüber beschweren, wenn im Supermarkt die Waldviertler Heuschrecken mit AMA-Biogütesiegel schon wieder ausverkauft sind. Ja, so schnell kann es gehen!

Insekten entpuppen sich überhaupt als jene Tiere, die man sich früher als eierlegende Wollmilchsäue erträumt hat. Jetzt entdeckten Forscher eher zufällig, dass die Raupe der Wachsmotte den Kunststoff Polyethylen abbauen und uns dabei helfen kann, ein großes, globales Problem zu lösen. Wenn man am Ende dieser Kolumne angekommen ist, dann werden in dieser Zeit bis zu zwei Millionen Plastiksäcke aus biologisch nicht abbaubarem Polyethylen weggeworfen worden sein.

Mit dem wissenschaftlichen Namen heißt der Schmetterling Galleria mellonella und ist ein von Imkern gehasster Gast in Bienenstöcken. Dort ernähren sie sich vom Wachs der Waben und spinnen manchmal auch die Bienenbrut mit ein. Aber sie schaffen pro Stunde durchschnittlich 2,2 Löcher in einem Kunststoffbeutel. Die erst 2016 entdeckten plastikfressenden Bakterien bauen nur rund 0,13 Milligramm pro Quadratzentimeter und Tag ab, während Wachsmotten-Larven die doppelte Menge schaffen.

Die Raupen lassen sich sehr einfach züchten, sie vermehren sich rasant und bieten sich aufgrund ihrer stattlichen Größe auch als Alternative zum Sonntagsschnitzel an. Einziger Schwachpunkt: Polyethylen bauen sie nur zu Ethylenglycol ab, einen Alkohol, den man leider nicht trinken kann. Müllentsorger, Nahrungsmittel und Schnapsproduzent, das wär‘s!


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige