Kleine Bäder für kleine Menschen

Eine Institution des Roten Wien wird 100: Die Kinderfreibäder erleben eine Renaissance

BERICHT: EVA KONZETT | STADTLEBEN | aus FALTER 18/17 vom 03.05.2017


Foto: Heribert Corn

Seit sie denken kann, teilt sich das Jahr für Martina Salkimis in zwei Hälften: Die gute ist, wenn die Tage am längsten sind, die schlechte, wenn die Monate den Buchstaben „r“ im Namen tragen. Winter für Winter wartet Salkimis auf den Mai, darauf, dass sie wieder das Kinderfreibad im Reinlpark im 14. Bezirk öffnen kann. Schon als Kind hat sie ihre Sommer im Kinderfreibad verbracht, weil die Mutter hier Badewartin war. Und als diese nicht mehr arbeiten konnte, hat Salkimis ihren Arbeitsplatz übernommen. Gleich nach der Lehre war das, vor mehr als 30 Jahren. Martina Salkimis hat keinen Tag bereut.

An einem Aprilvormittag steht die großgewachsene Frau mit den hochgesteckten blonden Haaren vor den Umkleidekabinen und blickt über das überschaubare Areal, kleiner als ein kleines Fußballfeld. Regen steht in der Luft, und Salkimis zieht die Jacke enger um den Hals. Das niedrige eiförmige Becken dehnt sich vor ihr bis zum schmalen Grasstreifen, dahinter zieht ein Drahtzaun die Grenze zum Park. Salkimis kennt jeden Winkel der Anlage. Die Kabinenaußenwände hat sie selbst mit Dschungelbuchmotiven angemalt, auf der Liegeinsel ist es Spongebob geworden. Sie hat miterlebt, als die Fliesen im Becken durch rostfreien Stahl ersetzt wurden und der kleine Rutschelefant am Beckenrand einer elegant geschwungenen 20 Meter langen Rutschbahn weichen musste. Sie wundert sich längst nicht mehr über den Delfin, der eigentlich ein Mistkübel ist. Sie kennt jedes Versteck im Gebüsch. Das Reinlbad ist ihr so vertraut wie die eigene Wohnung, der Kinderlärm seit jeher der Sound ihres Sommers.

Noch aber liegt Ruhe über dem Areal. Nur in den Umkleideräumen, wo Salkimis’ Kolleginnen gerade die Spinde putzen, scheppern Wascheimer aneinander. Das Bad muss für die neue Saison vorbereitet werden. Für die Badewartinnen sind es die letzten leisen Tage bis in den späten September, den ganzen Sommer durch, wenn es an heißen Tagen bis zu 1200 Kinder unter Kontrolle zu halten gilt. Dann heißt es trösten, schlichten, unterhalten, spielen. Und die Schürfwunden verarzten sowieso. Zu viel wird es Salkimis nicht. Das mit den Kindern sei gegeben, wie bei einem Arzt, sagt sie: „Entweder man kann Blut sehen oder nicht.“

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