"Ich gehe nicht auf Angriff"

Die Schauspielerin Nancy Mensah-Offei über politische Korrektheit, Preise und Traumrollen


INTERVIEW: MARTIN PESL
FALTER : WOCHE | aus FALTER 18/17 vom 03.05.2017


Foto: Judith Stehlik

Der Talisman“ ist eine der brisantesten Possen von Johann Nestroy: Titus Feuerfuchs, stets wegen seiner roten Haare ausgegrenzt, hat aufgrund einer Perücke plötzlich Erfolg im Leben. In der modernen Version des Theaters an der Gumpendorfer Straße wird das karriereentscheidende Merkmal von der Haar- zur Hautfarbe und der Titus zur Titania, gespielt von Nancy Mensah-Offei, 28. „Weiße Neger sagt man nicht“, lautet der provokante Titel.

Falter: Frau Mensah-Offei, die Regisseurin Esther Muschol hat ihre „Talisman“-Überschreibung bei den Proben verworfen und mit dem Ensemble ein neues Stück entwickelt. Was ist dabei herausgekommen?

Nancy Mensah-Offei: Eine Woche haben wir recherchiert, Informationen eingeholt und darauf aufbauend Szenen improvisiert. Das geht sehr schnell, das Schwierige ist dann, alles zu wiederholen und dabei die Leichtigkeit zu wahren. Unser Setting ist ein Job-Assessment-Center, in dem sich meine Figur Titania bewirbt. Die Oberfläche im Arbeitsraum ist glatt, man ist bemüht, sich keine Blöße zu geben, und spaziert auf Eiern, um sich nicht Rassismusvorwürfen auszusetzen. Alle versuchen, superkorrekt zu sein, aber hin und wieder brechen die Alltagsrassismen aus.

Welche eigenen Erfahrungen bringen Sie da ein?

Mensah-Offei: Bei mir kommt dazu, dass ich nicht nur schwarz und eine Frau bin, sondern auch eine Gehbehinderung habe. Außerdem kleide ich mich nicht gerade dezent. Wenn ich auf der Straße gehe, gibt es daher Blicke, das ist Alltag. Physische Gewalt erlebe ich zum Glück gar nicht und auch Kommentare eher wenig, ich bin in Linz in einer Bubble aus Familie und Freunden aufgewachsen. Aber es ist ja schon nicht in Ordnung, jemandem einfach in die Haare zu greifen. Dieser Respekt vor dem Körper ist ganz selbstverständlich vorhanden, außer bei Schwarzen.

Wie gehen Sie damit um?

Mensah-Offei: Ich sage: „Es wäre schön, wenn du das nicht machst.“ Aber ich gehe nicht auf Angriff. Ich bin ja nicht da, um die Leute zu erziehen. Trotzdem ist es erstaunlich, wie viele Menschen nicht mitdenken. Und das gilt nicht nur für das Thema Hautfarbe.

Schon der Titel deutet an, dass es im Stück auch viel um Political Correctness geht. Wie stehen Sie dazu?

Mensah-Offei: Ich habe keine Ahnung, was korrekt für „schwarz“ ist. Für mich ist „schwarz“ völlig okay. Gab es nicht einmal „maximalpigmentiert“? Es ist eine Frage der Vermittlung. Wenn du nur erklärt bekommst, was du alles nicht sagen darfst, rebellierst du und lässt dir nicht gefallen, dass dein Vokabular kaputtgemacht wird. Wenn aber ein klarer Grund vorliegt, weshalb zum Beispiel gegendert wird, öffnet sich das Hirn.

Sie werden relativ oft für Rollen besetzt, in denen Ihre Hautfarbe keine Rolle spielt. Bei der aktuellen Produktion ist das anders.

Mensah-Offei: Ich glaube, ich habe noch nie eine Schwarze gespielt. Auch während der Schauspielschule habe ich meine Hautfarbe nie als Stilmittel gesehen. Eine Rolle war für mich immer eine Rolle, denn gerade am Theater ist es wurscht, wie die Schauspielerin aussieht, sie muss nur den Charakter fassen. Die Arbeitsrealität sieht natürlich ein bisschen anders aus, weil ich doch oft wegen meiner Hautfarbe angefragt werde. Letztlich muss ich da durch. Es gibt ja auch Kolleginnen, die sich ärgern, dass sie immer Blondinen spielen, weil sie blond sind, oder Kinder, weil sie so jung aussehen.

Für Ihre Rolle in Volker Schmidts Produktion „Schwarzweißlila“, haben Sie 2016 den Stella-Preis für Theater für junges Publikum gewonnen. Was haben Sie damit gemacht?

Mensah-Offei: Oh je. Der Stella-Preis, über den ich mich sehr gefreut habe, stand auf einem Regal. Aus dem wurde mal was rausgenommen, und der Preis fiel auf den Boden. Diese Statue hatte so eine Glaskuppel – und jetzt sieht sie leider ein bisschen anders aus. Es ist mein erster Preis. Weder als Kind im Schwimmwettbewerb noch im Fasching habe ich zuvor je etwas gewonnen.

Sie sind gerade als Karenzvertretung am TAG. Wie geht es danach weiter?

Mensah-Offei: 2018 kommt hoffentlich ein Film raus, den ich gerade drehe. Da spiele ich die Tochter von Angelo Soliman, dem ersten berühmten Schwarzen in Wien. Er wurde nach seinem Tod ausgestopft. Und dann bitte den „Jedermann“. Salzburg darf gerne anrufen!

Für welche Rolle?

Mensah-Offei: Am liebsten den Tod, die Figur ist spannender als alle anderen. Da er kein menschliches Wesen ist, kann man spielen, was man will.

Tag – Theater an der Gumpendorfer Straße, Sa, Mo, Do 20.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige