Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Die beste Regisseurin der Welt der Woche

MICHAEL OMASTA | FEUILLETON | aus FALTER 18/17 vom 03.05.2017

Crossing Europe, das internationale Filmfestival in Linz, ist immer für eine Entdeckung gut. Heuer, im 14. Jahr seines Bestehens, wartete Intendantin Christine Dollhofer mit einer neuen, kompakten Programmschiene auf, dem sogenannten Spotlight. Eben jenes richtete sich auf die türkische Filmemacherin Yeşim Ustaoğlu, 56, die fünf ihrer Spielfilme persönlich vorstellte.

Als sie Mitte der 1990er als Regisseurin debütierte, stand sie als Frau in ihrer Heimat allein auf weiter Flur: Das populäre Kino war reine Männersache, zumal in der Türkei. Umso auffälliger sind Ustaoğlus Filme, in deren Mittelpunkt stets Frauen stehen. So auch in "Pandora's Box" von 2008, der bisher einzigen ihrer Arbeiten, die auch bei uns regulär ins Kino kam: Es ist die Geschichte dreier Geschwister, die ihre an Alzheimer erkrankte Mutter aus einem Bergdorf nach Istanbul holen. Der in bildmächtigen Tableaus erzählte Film fächert Gegensätze zwischen Stadt und Land, Jung und Alt auf und heimste -wie auch seine 90-jährige Hauptdarstellerin Tsilla Chelton -etliche Festivalpreise ein.

Yeşim Ustaoğlu gilt als "Schlechtwetterfilmerin" (so Kuratorin Daniela Sannwald), einen Ruf, den sie mit Titeln wie "Waiting for the Clouds" oder auch ihrem neuen Film erfolgreich verteidigt. "Clair Obscur" berichtet von zwei Frauen, die in ganz unterschiedlichen Milieus und doch ähnlich beengten Verhältnissen leben. Die zwangsverheiratete Teenagerin Elmas findet den letzten Ausweg in der Gewalt, die Psychiaterin Chenaz in der stürmischen Affäre mit einem Kollegen.

Dass ihr Werk prompt mit Jugendverbot belegt wurde, kostet Ustaoğlu nur ein charmantes, kleines Lächeln. In der Türkei dürfen Minderjährige zwar heiraten, aber eine Sexszene im Kino dürfen sie erst ab 18 sehen.


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