Eine auflegen

Drei Freunde der analogen Tonwiedergabe haben ein Wohnzimmer eröffnet


LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER
ESSEN TRINKEN STADTLEBEN | aus FALTER 18/17 vom 03.05.2017


Foto: Heribert Corn

Man ist es nicht mehr wirklich gewohnt. Dieses CHRT-CHRT-CHRT-CHRT-Geräusch der Nadel in der Warteschleife. Weil moderne Tonträger ja einfach aufhören, Töne von sich zu geben, wenn sie mit ihrem Programm fertig sind.

In der neuen Needle Vinyl Bar kann man dieses akustische Retroerlebnis aber durchaus erfahren, nicht zuletzt deshalb, weil Erlind Kasemi, Arber Qarri und Argient Kokalla, drei Wirtschaftsstudenten mit Wurzeln im Kosovo, hier sowohl DJ als auch Barkeeper, drittens Gastgeber und viertens ein bisschen zu Hause sind. Und da kann’s dann schon einmal passieren, dass eine Platte leer läuft. Und man das wohlige Kratzen durch die ganze Färbergasse hört.

Es gäbe eh so viele fancy Lokale in Wien, eh so viele topausgestatteten Szenehütten, sagt Arber Qarri, sie wollten einfach eine Art zweites Wohnzimmer schaffen, für sich selbst und für Leute, die einfach ein bisschen Zeit bei einem gepflegten Drink und ein bisschen Musik von gebrauchten Schallplatten verbringen wollen. Gute Idee, und sie griffen sich dafür ausgerechnet eines der skurrilsten Beisln, die es bis dahin in Wien gab, nämlich das Café Cats, ein wahrlich düsterer Ort, um den Wünschelrutengänger stets einen weiten Bogen machten. Und sie hätten auch fünf Monate gebraucht, um das Lokal zu entkernen, erzählt Arber, „da waren Fliesen auf Fliesen geklebt …“.

Jetzt sind da keine Fliesen mehr, sondern grauer Estrich, eine Ziegelwand, ein alter Perserteppich, ein paar Caritas-Fauteuils, eine Schaukel, eine etwas dramatisch wirkende Bar, eine niedere Decke mit allerlei Vinyl-religiösen Statement-Graffitis wie „Buy vinyl, go to heaven“ oder „no CDs, no tapes, just records“. Und natürlich die beiden wesentlichen Elemente der Needle Vinyl Bar: ein Regal mit derzeit etwa 800 Secondhand-Schallplatten der Kategorien Jazz, Blues und Rock’n’Roll und ein altdeutscher Sekretär mitten im Lokal, auf dem zwei Pro-Ject-Plattenspieler (Heinz Lichtenegger startete mit diesem Unternehmen vor knapp 30 Jahren, heute zählen seine puristischen Geräte zu den Darlings sowohl der DJ-Szene als auch der analogen Glaubensgemeinde) stehen.

Bei den Speisen und Getränken hielt man sich ausstattungsmäßig dafür eher zurück, immerhin das Thema Kaffee nehmen die drei sehr ernst – als sie unlängst Troubles mit der Kaffeemaschine hatten, hätten sie den Kaffeeverkauf gänzlich eingestellt, „lieber keinen als mittelmäßigen zu verkaufen“ – und ein eigens entwickelter Cocktail namens „Dizzy Bee“ kommt demnächst auch, mit Honig, Erdbeeren, Ingwer, Havanna Club und dem Old-Judge-Falernum-Rumlikör von Markus Altrichter, also eher süßer. Es gibt aber auch ein paar Biere, ein paar Weine, ein paar der üblichen Spirits und Toast – wie in interessanterweise fast jedem Lokal, in dem Platten aufgelegt werden.

Resümee:

Ein kleines, kuscheliges Mittelding aus Bar, Café und Club, in dem Atmosphäre und das analoge Plattenspiel im Mittelpunkt stehen.

Needle Vinyl Bar
1., Färberg. 8
Tel. 0660/535 23 25
Mo–Sa 11–1, So 14–1 Uhr
www.facebook.com/needlebar


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