Genre ohne Namen

Eine global vernetzte Musikergemeinde mischt die Elektronikszene auf: Ihr Ansatz ist politisch, ihr Sound tanzbar und experimentell zugleich, ihre Heimat ist das Internet. Die wichtigsten Vertreter sind im Rahmen des Hyperreality-Festivals der Wiener Festwochen zu Gast

SZENEREPORT: FLORIAN OBKIRCHER | FEUILLETON | aus FALTER 18/17 vom 03.05.2017


Foto: festwochen.at

Elektronische Clubmusik ist offiziell museumsreif: 2018 soll in Frankfurt ein Museum für elektronische Musik und Lebenskultur eröffnet werden, unter der Schirmherrschaft von Dieter Meier, Hälfte des Schweizer Pop-Duos Yello. In Berlin verfolgt Dimitri Hegemann, Gründer des legendären Nachtclubs Tresor, eine ähnliche Vision: Er will in den Industrie-Räumlichkeiten seines Clubs ein Techno-Museum eröffnen. Auch wenn Hegemann einsieht, dass die Bezeichnung nicht ideal gewählt sei – schließlich verbindet man mit Museum etwas, das der Vergangenheit angehört –, ist die Symbolik trotzdem eindeutig. Elektronische Clubmusik hat sich zu einer apolitischen, marketingfreundlichen Massenkultur entwickelt, die sich lieber selber feiert, anstatt nach vorne zu blicken.

Dabei war das einst ganz anders. Um 1990 herum war der Club ein Ort der sozialen Utopie. Ein Ort als „übergreifendes Gemeinschaftsprojekt, das nur für den kurzen Moment eines Abends errichtet wird und sich quer durch die Identitäten und Einheiten, die an ihm beteiligt sind, hindurch Gemeinsamkeiten sucht“, wie die deutsche Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz einmal feststellte. Die Musik dazu, verwurzelt in der afroamerikanischen und hispanischen US-Schwulenbewegung, war damals stark vom Fortschrittsgedanken geprägt. Im Monatstakt formten sich neue Subgenres innerhalb der Stilrichtungen wie House und Techno. Ein Museum für ihre Kultur wäre damals das Letzte gewesen, was die Protagonisten im Sinn gehabt hatten.

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