Zurück zum Proletariat von Reims

NORBERT MAPPE-NIEDIEK | POLITISCHES BUCH | aus FALTER 18/17 vom 03.05.2017

Nach dem Tod seines Vaters, eines "dummen und gewalttätigen Mannes", kehrt Didier Eribon nach langen Jahren zum ersten Mal zurück nach Reims, in die Stadt, in der er aufgewachsen ist. In den 1970er-Jahren, als der junge Arbeitersohn als Student nach Paris ging, hat er eine kommunistische Familie hinter sich gelassen. Jetzt wird hier rechts gewählt. Eribon, der in Frankreich als Denker der Schwulenbewegung bekannt wurde, nutzt seine persönliche Lebensgeschichte und sein Instrumentarium als Soziologe, um die Wandlung seines Herkunftsmilieus zu erklären. Um aus einem linken Milieu ein rechtes zu machen, findet er, musste nichts Neues hinzukommen. Antiintellektualismus, Frauenfeindlichkeit, rassistische Hetze, Forderungen nach Todesstrafe, nach Vorrang für Franzosen bei Sozialleistungen: das gab es alles schon, als hier alle noch die KP wählten. Im Unterschied zu damals fehlt jetzt aber etwas: die Solidarität, die sozialen Kämpfe, die verbindende Praxis.

Die linken Parteien können die verlorenen Anhänger aber zurückholen. "Zumindest teilweise" sei die Zustimmung zum Front national "eine Art politische Notwehr der unteren Schichten. Sie verteidigten eine Würde, die seit jeher mit Füßen getreten worden ist und nun sogar von jenen missachtet wurde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hatten." Ob sie außer ihrer Würde nicht auch handfeste Interessen verteidigen, fragt sich Eribon nicht. Das wäre Ökonomie, nicht mehr Soziologie.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Suhrkamp, 2016,238 S., € 18,-


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