Neue Bücher Existenzialisten und Fin de Siècle

BÜCHER : PLATTEN FEUILLETON | aus FALTER 19/17 vom 10.05.2017

Jean-Paul Sartre raucht seine Pfeife, neben ihm grübeln Simone de Beauvoir mit Turban und Albert Camus mit hochgeschlagenem Mantelkragen. Das Bild versprüht nostalgischen Charme, doch bei so einfachem Schwarz-Weiß-Sehen bleibt es nicht. Sarah Bakewell sieht aus dem Café der Existenzialisten hinaus in die Welt, wendet aber genauso den Blick auf das Innere der Gäste, wo sich Ideen verknüpfen und Freundschaften trennen. Martin Heidegger entfernt sich in seinem narzisstischen Schwarzwaldhüttendasein von seiner Geliebten Hannah Arendt und seinem Mentor Edmund Husserl. Satre und Camus scheitern an ihren gegensätzlichen Standpunkten zu Kommunismus und Gewalt.

Bakewell zeichnet Charaktere und philosophische Theorie entlang der Zeitgeschichte lebendig nach und siedelt ihre Figuren rund um die Gegenpole Sartre und Heidegger an, penibel recherchiert und bildhaft aufgeschlüsselt. JULIANE FISCHER

Die Zuschreibung Jahrhundertautor ist zwar großspurig, bei Arthur Schnitzler (1862-1931) aber nicht übertrieben. Der Literaturwissenschaftler und Historiker Max Haberich hat eine Biografie mit bisher unveröffentlichten Quellen über den Wiener "Anatom des Fin de Siècle" vorgelegt. Wir erfahren, dass der studierte Mediziner schon früh scharfsinnige Sozialkritik formulierte und dass es zu kurz greift, den Erfinder des "süßen Mädels" als "leichtherzigen Dichter erotischer Geschichten" abzutun.

Haberich überzeugt auch damit, dass er das starke Forschungsinteresse an Schnitzlers jüdischer Identität und seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus umfassend thematisiert. Doch die konservativ erzählte Lebensgeschichte traut sich nicht, dem Wesen des Künstlers konsequent nachzuspüren. Umständlich reihen sich Inhaltsangaben aneinander, Schnitzler als Mensch bleibt auf der Strecke. SEBASTIAN GILLI


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