"Was zu perfekt ist, ist wie tot"

Der bildende Künstler Tianzhuo Chen zeigt bei den Festwochen erstmals eine Arbeit im Theater


Interview: Martin Pesl
Lexikon | aus FALTER 19/17 vom 10.05.2017


Foto: Zhang Yan

Die Wiener Festwochen bewegen sich unter ihrem neuen Leiter Tomas Zierhofer-Kin von Theater und Oper in einen unerforschten Kosmos des Interdisziplinären. Das beste Beispiel dafür ist der 1985 geborene Tianzhuo Chen aus Peking, der die Eröffnungsproduktion bestreitet. Der bildende Künstler lässt in einer rhythmisch unterlegten Bilderflut Menschen unterschiedlichster Disziplinen und Herkünfte aufeinanderprallen, eine Biwa-Spielerin, die Schweizer Musikerin Aïsha Devi, Performer aus China, Afrika und der Pariser Fashion-Party-Szene, aber auch lokale Statisten. Bisher zeigte Chen „Ishvara“ in Galerien und Clubs. Es ist sein erstes Mal im Theater.

Falter: Was bedeutet denn der Titel Ihres Stücks „Ishvara“, Herr Chen?

Tianzhuo Chen: Im Hinduismus ist es ein anderer Name für den Gott Shiva. Im Buddhismus heißt so der Ort, an den man nach dem Tod kommt.

Wird es in Ihrer Performance also so sein, als wäre man gerade gestorben?

Chen: Ja, es geht um meinen persönlichen Blick auf Tod und Reinkarnation. Ich bin Buddhist in meinem Denken. Gleichzeitig lebe ich ein sehr modernes Leben. In „Ishvara“ versuche ich, diesen Widerspruch greifbar zu machen: Die Ernsthaftigkeit gebietet einem, sich so und so zu verhalten, aber das Leben und die eigenen Wünsche drängen einen in eine andere Richtung.

Das Bühnenbild von „Ishvara“ besteht aus Ihren Kunstwerken, die aus China nach Wien transportiert werden. Haben Sie Sorge, dass etwas kaputtgeht?

Chen: Nein, das ist mir egal. Wenn etwas zu perfekt ist, ist es wie tot. Ein kaputtes Werk hat eine gewisse Schönheit. Im Zuge meiner Performances lasse ich meine Kunstwerke immer zerstören, das ist lebendiger, als eine perfekte Skulptur im White Cube einer Galerie aufzustellen.

Ist Ihnen bewusst, dass auch dezidierte Opernliebhaber in der Aufführung sitzen werden?

Chen: Das ist sehr interessant. Man könnte meine Arbeit als Oper ansehen, aber auch als Clubbing. Es ist gänzlich unvorhersehbar, das macht es für mich so spannend. Die Leute sehen nicht das, was sie sonst im Theater gewohnt sind.

„Ishvara“ bringt viele verschiedene Performer aus unterschiedlichsten Teilen der Welt zusammen. Wo haben Sie die alle gefunden?

Chen: Mit den meisten war ich schon befreundet, bevor ich an der Performance gearbeitet habe. Andere sind im Nachhinein an mich herangetreten, weil sie sich angesprochen fühlten. Man lernt ja schnell Leute kennen: Sobald man auf Instagram oder Facebook feststellt, dass jemand ähnliche Ideen und eine ähnliche Ästhetik hat, kann man sich anfreunden.

Die Festwochen beschreiben Sie als „den Querulanten der chinesischen Kunstszene“. Stimmen Sie dem zu?

Chen: Viele Hater in der Kunstszene können nichts mit mir anfangen. Sie finden, ich mache etwas für eine zukünftige Generation. Insofern habe ich schon eher eine umstrittene Position. In Peking hatten wir mit „Ishvara“ die perfekte Mischung zwischen wohlwollender Aufnahme und „What the fuck is he doing?“.

Ist es außerhalb Chinas einfacher?

Chen: Es ist aufregender. Die chinesische Kunstszene kenne ich schon zur Genüge, dafür kennt mich die chinesische Theaterszene überhaupt nicht – und umgekehrt. In China muss man sich als Künstler noch auf ein Genre beschränken, es gibt keinerlei Überschneidungen. Hier empfinde ich mehr Freiheit. Nach dem Auftritt in Wien machen wir eine musikalische Performance in Kopenhagen. Ich bewege mich von einem Publikum zum anderen. Außerdem käme ich im chinesischen Theater wahrscheinlich gar nicht an der Zensur vorbei. Im Gegensatz zur bildenden Kunst ist man dort immer noch recht sensibel, was bestimmte Themen oder Nacktheit betrifft.

Wann haben Sie herausgefunden, dass Performance auch etwas für Sie ist?

Chen: 2014 habe ich mit Videoarbeiten angefangen. Dann stellte ich fest, dass ich es viel interessanter fand, die bewegten Bilder live auf die Bühne zu bringen. Ein Video schneidet man x-mal, dann ist es perfekt, fehlerfrei. Aber Fehler sind etwas Schönes. Eine Performance verändert sich ständig.

Treten Sie auch selbst manchmal auf?

Chen: Nie. Ich bin zu schüchtern. Aber meinem zentralen Performer Beio wurde in Lissabon sein Pass gestohlen, und die Zeit wurde echt knapp, einen neuen Pass und ein neues Visum zu beantragen. Hätte er keinen mehr bekommen, wäre die einzige Lösung gewesen, dass ich seine Rolle übernehme. Aber zum Glück hat er es rechtzeitig geschafft.

Museumsquartier, Halle E, Sa bis Mo


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