Untergang im "Führerbunker": Nazisterben als Geisterbahnwanderung


Theaterkritik: Martin Pesl
Lexikon | aus FALTER 19/17 vom 10.05.2017

Es soll ja kein Sonntagsausflug sein, im Weltkrieg in einen Bunker hinunterzumüssen. Schon gar nicht, wenn es der "Führerbunker. Berlin, April 1945" ist. Tatsächlich ist das Erlebnis im Erlebniskeller Retz in erster Linie ein zehrendes für die Zuschauer, die von einer Gruppe gut organisierter Soldaten durch die kühlen, staubigen und feuchten Gänge unter der Innenstadt des idyllischen Weinviertler Städtchens getrieben werden.

Christian Pfeiffer hat 2015 und 2016 hier ein atmosphärisches Rätselspiel über den Serienkiller Jack the Ripper inszeniert. Dieser Stoff war als unterirdisches Wandereventtheater besser geeignet als die drückende Fantasie über die letzten Tage von Hitler, den Goebbels, Traudl Junge und Co. Der Führerbunker nach Bernd Eichingers Film "Der Untergang" hat mit dem Erlebniskeller außer der subterranen Lage trotz Kostüm- und Kulissenvielfalt (Ausstattung: Kristof Kepler) nämlich wenig gemein.

Nach dreieinhalb Stunden tun einem also ordentlich die Füße weh, wenn man wieder im historischen Rathausturm ankommt und der Krieg erst vorbei scheint, die toten Nazis aber in Horrormanier drohen: "Wir kommen wieder!" Ein paar starke Szenen hat man gesehen: Andreas Hajdusic etwa meistert die schwierige Hitler-Rolle körperlich und sprachlich nuanciert, David Jakob beweist als Adjutant Günsche Stimmgewalt und Sinn für Dramatik.

Das Verblüffendste: Die auf den ersten Blick doofe Idee, Hitlers Hündin Blondi mit einem Schauspieler zu besetzen, geht tatsächlich auf. Daniel Ghidels Knurren fasst die angespannte Lage stimmungsvoll zusammen.

Erlebniskeller Retz, Do-Sa, bis 3.6.


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