"Wolferl, kannst du heut anfangen?"

Das Filmarchiv Austria widmet dem Regisseur Wolfgang Glück seine allererste Retrospektive

INTERVIEW: MICHAEL OMASTA | FALTER : WOCHE | aus FALTER 20/17 vom 17.05.2017


Foto: Herbert Pfarrhofer / APA / picturedesk.com

Wolfgang Glück, geboren 1929 in Wien, hat Regie bei hunderten Fernsehfilmen geführt und an fast allen großen deutschsprachigen Bühnen inszeniert. Daneben widmete er sich der Lehre, war Professor für Filmregie und von 1997 bis 2003 Leiter der Wiener Filmakademie. Zu seinen größten Kinoerfolgen zählen „Der Schüler Gerber“ (1980) und der Film „38 – Auch das war Wien“, der 1988 für den Oscar nominiert war. Jetzt ist dem Werk des 87-jährigen Regisseurs erstmals eine Retrospektive gewidmet.

Falter: Herr Glück, im Programmheft werden Sie als Filmemacher und Gentleman bezeichnet. Fühlen Sie sich damit gut getroffen?

Wolfgang Glück: Das ist eine Vorstellung von Paul Poet, dem Kurator. Ich selbst verstehe mich weder als Gentleman noch als großer Regisseur. Ich sehe mich als guten Handwerker, weil ich das auch gründlich erlernt habe: einerseits am Theater, wo ich großen Regisseuren wie Berthold Viertel und Fritz Kortner assistiert habe, und andererseits beim Film, wo ich mich vom dritten Regieassistenten langsam hochgearbeitet habe.

Wie hat dann Ihre Regiekarriere begonnen?

Glück: In den 50er-Jahren, bevor das Fernsehen kam, sind alle Filme gegangen – egal, wie gut oder schlecht oder blöd sie waren. Bei „Dort in der Wachau“ durfte Rudolf Carl, der Komiker, einmal Regie führen. Irgendwie ging’s aber nicht und eines Morgens hat er gesagt: „Du, Wolferl, mir geht’s heut net so gut mit dem Magen, kannst du anfangen?“ Das hab ich gemacht und noch im selben Jahr hab ich meinen ersten Regiefilm bekommen: „Der Pfarrer von St. Michael“, ein Heimatfilm, der jetzt Gott sei Dank nicht gezeigt wird.

Dazu kam auch noch eine Karriere beim Fernsehen.

Glück: Ich hab 1955/56 angefangen, also zugleich mit dem Fernsehen. Damals war alles live. Meine allererste Inszenierung, „Der G’wissenswurm“ von Anzengruber, war eine Übertragung aus dem Theater am Parkring, das Erich Neuberg gegründet und zu einer der besten Kellerbühnen gemacht hatte. Neuberg, den man heute noch als Regisseur des „Herr Karl“ kennt, war eine wirklich große Figur in dieser Zeit. Als er zum Fernsehspielchef ernannt wurde, bekam ich einen sehr schönen Vertrag: Ich durfte drei Sachen meiner Wahl machen – nur eine davon musste ein Erfolg sein.

Sie haben oft literarische Stoffe bearbeitet. War das beim Fernsehen einfacher?

Glück: Ich wollte die österreichische Literatur der Nachkriegszeit vertreten. H.C. Artmann und Ingeborg Bachmann zum Beispiel oder auch diese kleine Handke-Geschichte. Die mag ich, obwohl es kein Film, sondern im Grunde eine Lesung ist: Helmuth Lohner liest „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke.

Ein anderer, ganz aufs Schauspiel konzentrierter Film ist „Die kleine Figur meines Vaters“ von 1980.

Glück: Den finde ich vor allem wegen meines Freundes Ludwig Hirsch stark. Es ist die wahre Geschichte von Peter Henisch über seinen Vater, der als Jude in der Nazizeit der weitaus meistbeschäftigte Kriegsfotograf war. Im Film sitzt der Sohn am Krankenbett des Vaters und fragt ihn, wie diese „Karriere“ möglich war. Ludwig spielt das wunderbar, er fragt immer weiter nach, ohne selbst Stellung zu beziehen. Stellung beziehen soll der Zuschauer!

Welche drei selten gezeigte Arbeiten sollte man jetzt nicht versäumen?

Glück: Es gibt kleine Sachen wie „Ein Phoenix zuviel“ von Christopher Fry, den ich 1958 mit der Christiane (Hörbiger, Anm. d. Red.) gemacht hab, ganz jung. Auch den Schnitzler-Abend mit den drei Einaktern „Komtesse Mizzi“, „Literatur“ und „Halbzwei“ – letzterer mit Senta Berger und Dietmar Schönherr – finde ich sehenswert.

Was fehlt Ihnen in der Retrospektive?

Glück: Hans-Joachim Kulenkampff, der einer meiner engsten Freunde war, ein ganz kluger Mann, auch politisch. Auf der Bühne hab ich „Im Zweifel für den Angeklagten“ mit ihm gemacht, ein Einpersonenstück über Clarence Darrow, einen Armen-Anwalt. Das hat er grandios gespielt. Und fürs Fernsehen haben wir Ende der 1980er-Jahre „Münchhausens letzte Liebe“ gedreht, nach einem Stoff von Walter Hasen clever aus dem französischen Exil. Leider war der Film nicht zu bekommen. Da hat Kuli gezeigt, dass er nicht nur ein Unterhalter war, sondern auch ein wirklich guter Schauspieler.

Metro Kinokulturhaus, bis 31.5.


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