Kunst Kritik

Matriarchatsstudien mit feinen Nadelstichen

NS | LEXIKON : KUNST | aus FALTER 20/17 vom 17.05.2017

Indigene Völker sind in der aktuellen Kunst wieder sehr modern -dieser Eindruck entsteht zumindest auf der Documenta in Athen, zu deren Themen auch die Gefährdung von kulturellen Minderheiten zählt. Die in Wien und Istanbul lebende Künstlerin Nilbar Güres hat kurdisch-alevitischen Hintergrund. In ihrer zweiten Einzelausstellung in der Galerie Martin Janda zeigt Güres neue Collagen, Fotos und Skulpturen, die sie aus Begegnungen mit ethnischen Minderheiten entwickelt hat. Diese produzierte sie im Zuge von Biennalen in Bolivien und Brasilien, aber auch auf gezielten Reisen nach Neuseeland oder Schweden.

Zum Glück schlägt der Ethnocharakter nicht auf den ersten Blick durch, denn Güres hält ihre Bezüge in der Schwebe. Insgesamt wirken ihre Arbeiten abstrakter als früher, die aufgenähten oder aufgeklebten Stoffflicken werden weniger zu konkretem Bildinventar umgewandelt und es treten auch spärlicher Figuren auf. Die Verwendung von Textilien zieht sich ja als sprichwörtlich roter Faden durch das Schaffen der 40-jährigen Künstlerin, das auch voll surrealem Humor und subversiven Körperbildern steckt.

In Bolivien hat Güres das Andenvolk der Aymara kennengelernt und in deren matriarchaler Clanordnung Ähnlichkeiten zu ihrer eigenen Kultur entdeckt. Ihre feinlinigen Collagen dazu bleiben ungewohnt zurückhaltend. Tolle Bilder starker Frauen und der Macht des weiblichen Geschlechts gelingen Güres etwa mit "Wildness" über den Dächern von Sao Paulo und mit Anspielungen auf Schamanismus und Hexerei in "Non-Sex-Belt". Eine Stoffskulptur eines Kaktus hat die Künstlerin einmal als Selbstporträt erklärt. Jetzt spannt sie ein solches stacheliges Männchen mit einem Madonnenbild aus Stoff zusammen und betitelt das Duo witzigerweise nach der Sitcom "How I met your Mom".

Galerie Martin Janda, bis 27.5.


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