Film Neu im Kino

Am Rande neuer Zeiten: "Jahrhundertfrauen"


SABINA ZEITHAMMER
LEXIKON : FILM | aus FALTER 20/17 vom 17.05.2017

Filmszenen wie diese sind selten: Aufgrund einer Diskussion über den weiblichen Orgasmus geraten zwei Halbwüchsige in eine Prügelei. Seinen Anfang nimmt Mike Mills' "Jahrhundertfrauen" an einem anderen Punkt. Die 55-jährige Dorothea lebt 1979 als Alleinerzieherin in Santa Barbara. Gesellschaftliche Umbrüche kündigen sich an: Präsident Jimmy Carter spricht von einer Vertrauenskrise, die Gegenkultur schwindet, Punk begeistert die Jugend. Weil Dorothea fühlt, dass sie und ihr Sohn Jamie sich fremd geworden sind, bittet sie ihre Untermieterin Abbie (Greta Gerwig) und Jamies beste Freundin Julie (Elle Fanning), ihr bei der Erziehung des 15-Jährigen zu helfen.

Es folgt kein durchkomponiertes Coming of Age, sondern eine unerschrocken spröde, lebendige Collage, in deren Mittelpunkt die drei Frauen stehen. Abbie versorgt Jamie mit feministischer Literatur und nimmt ihn mit zu Punkkonzerten, Julie, in die er verliebt ist, erzählt ihm von ihren sexuellen Erfahrungen. Die warmherzige wie in sich abgekapselte Dorothea (Annette Bening), versucht indes, die aktuellen Moden zu verstehen. Um eine ehrliche Begegnung werden Mutter und Sohn dennoch nicht herumkommen.

Mills' autobiografisch angehauchte Hommage an die Frauen versammelt Ereignisse aus normalen Leben, in denen sich prägende Aspekte des 20. Jahrhunderts spiegeln. Mit wechselnden Voice-over-Kommentaren, dem Einsatz von Text und Zeitraffer sowie Ausblicken auf die Zukunft forciert er mehr das Beobachten als das empathische Eintauchen. Dabei liegt ein weicher, melancholischer Filter über den widersprüchlichen, humorvollen, wahrhaftigen (und ab und zu etwas verkopft wirkenden) Szenen: eine Wertschätzung des Augenblicks, von dem nur eine schwer in Worte zu fassende Erinnerung bleibt.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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