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Kulturtheorie von Giorgio Agamben und Walter Benjamin

ALBERT EIBL UR | Feuilleton | aus FALTER 21/17 vom 24.05.2017

Fängt man ernsthaft an, über Dichtung nachzudenken, wird das Denken meist poetisch. Es haftet ihm dann jenes funkelnde Pathos der Verklärung an, das im bewusst ungesagt gebliebenen oder gewollt mehrdeutig inszenierten Wort das Streben des Dichters erkennen will, über sich und die Welt hinauszuweisen. In "Die Erzählung und das Feuer" umkreist der an Heidegger geschulte italienische Meisterdenker Giorgio Agamben in zehn philosophischen Fingerübungen das Wesen und den Ursprung der Dichtung.

Wer sich klare Antworten erwartet, wird naturgemäß enttäuscht. Agamben geht es weniger darum, etwas zu beweisen, als die blitzende Karosserie seines Geistes ein wenig vor Publikum auszufahren und sich dabei bewundern zu lassen. Das ist durchwegs interessant und lehrreich und macht besonders dann Spaß, wenn er den Motor ordentlich aufheulen lässt -freilich ohne dabei wirklich vom Fleck zu kommen.

Giorgio Agamben: Die Erzählung und das Feuer. S. Fischer, 144 S., € 20,60

Was Franz Kafka für die Literaturwissenschaft, war in den vergangenen Jahrzehnten Walter Benjamin für die Kulturtheorie: eine unerschöpfliche Quelle für -manchmal fast schon religiös anmutende -Interpretationen. Lorenz Jäger versucht sich nicht nur an einer Gesamtdeutung, sondern auch an Neuinterpretationen. Ihn interessiert das, was Benjamin von den Denkschulen seiner Zeit trennte: die frühe, intensive Auseinandersetzung mit dem Jüdischsein, die Faszination für den Mythos.

Die Welt ist für den Flaneur Benjamin eine verzauberte; in der Beschäftigung mit diesem Verzauberten und im Entzaubern wird er zum Kritiker. In ihm wirken die unterschiedlichsten Kräfte, Gegensätze treiben ihn an. Jäger führt das Disparate klug zusammen. Er liest den Zeichenleser, der die Welt als Wort, Ding und Schrift entziffern wollte und stets das Schwebende, das Nicht-Eindeutige und die Übergänge gefunden hat.

Lorenz Jäger: Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten. Rowohlt, 398 S., € 27,80


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