Verspielt kafkaeske Metapher für die Angst vorm Fremden


THEATERKRITIK: MARTIN PESL
Lexikon | aus FALTER 21/17 vom 24.05.2017

Der goldene Apfel" war für die Osmanen ab dem Mittelalter Sinnbild ersehnter Eroberungen. Einen Apfel vermochten sie nie zu kriegen: Wien. Schon in der Volksschule lernen wir davon, während das Wort "Türkenbelagerung" mehr oder weniger ironisch gemeint auch im Alltag der Gegenwart oft zu hören ist.

Als der am Berliner Gorki-Theater beheimatete Regisseur Hakan Savaş Mican mit dem Autor Emre Akal und dem Ensemble des Landestheaters Niederösterreich ein Projekt zur zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 entwickelte, war klar, dass er dabei nicht das große Schlachtentheater im Sinn hatte. Stattdessen hebt Mican den Stoff auf eine Metaebene: "Die Eroberung des goldenen Apfels" spielt in einem Theater, das ein großes Heldenstück anlässlich des Sieges gegen die Türken auf dem Programm hat. Schauplatz ist die Kantine des Hauses, wo ein barock kostümierter "Europäischer Friedenschor" seinen Auftritt herbeisehnt.

Eine red-und singselige Wirtin (Michael Scherff) betreut die ängstlichen Sänger, die darauf warten, dass der Inspizient sie aufruft, doch vergeblich. In der Wartezeit haben die verhuschten Chormitglieder Gelegenheit, ihre Naivität zur Schau zu stellen. Es fallen Sätze über Integration, das Schöne und das Gewesene (Vidina Popov), und einer (Stanislaus Dick) sinniert darüber, dass er sogar seinen Namen vergessen hat. Man spürt, dass in der Entwicklungsphase viele Ideen da waren. In dieser verspielt kafkaesken Metapher auf die Angst vor dem Fremden sind die wirklich profunden leider nicht übrig geblieben.

St. Pölten, Landestheater NÖ, Do 19.30


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige