Als Shopping zum Erlebnis wurde

Die spannende Ausstellung "Kauft bei Juden!" geht den Konsumtempeln in Wien vor 1938 nach

AUSSTELLUNGSRUNDGANG: NICOLE SCHEYERER | Lexikon | aus FALTER 21/17 vom 24.05.2017


Foto: Jüdisches Museum

Das Leuchten von 1000 Glühbirnen versprach das Warenhaus M. Neumann bei seiner Eröffnung 1895. Das Gebäude auf der Kärntner Straße stammte von Otto Wagner; die Aufschriften „Metropolitan Clothing Palace“ und „Maison de confection viennoise“ verkündeten mondänen Flair. Die Schau „Kauft bei Juden!“ erinnert nun im Jüdischen Museum an die edlen Konsumtempel, die ab Ende des 19. Jahrhunderts in Wien nach Pariser Vorbild gegründet wurden

„Es ist eine verschwundene Welt“, sagt Kuratorin Astrid Peterle, die vor allem bei privaten Sammlern und nicht in Museen fündig wurde. Kleider, Werbeplakate und Fotos vermitteln das einstige Flair.

Das Kaufhaus Gerngross in der Mariahilfer Straße lockte mit „Weißen Wochen“ zum Wäschekauf in seine hohen Hallen. Dort gab es einen „rollenden Teppich“ (also Rolltreppen), einen „Erfrischungsraum“ und eine Amateurfotoabteilung. In seinen besten Zeiten hatte das größte Kaufhaus der Monarchie 1600 Angestellte.

„Es stellt sich die Frage: Was ist das ‚Jüdische‘ an den Kaufhäusern?“, sagt Peterle vor einer Porträtgalerie mit Textilhändlern von gestern und heute. „Die Geschäfte selbst unterschieden sich kaum von nichtjüdischen, sehr wohl jedoch die negativen Zuschreibungen.“

Kaum hatten die vor allem mit Textilien handelnden Warenhäuser Fuß gefasst, schlug ihnen schon Hass entgegen. In Karikaturen und antisemitischen Schriften wurde den jüdischen Unternehmern vorgeworfen, sie würden den Kleinhandel zerstören – eine Kritik, die sich empirisch widerlegen lässt. „In der Ablehnung der Kaufhäuser verbinden sich sämtliche Anti-Strömungen der Zeit: Antisemitismus, Antikapitalismus, Antiamerikanismus und auch der Antifeminismus“, erklärt die Kuratorin. In der Tat gewannen die Frauen durch das Kaufhaus einen neuen Freiraum, nicht nur zum Flanieren, sondern auch zum Lohnerwerb in Berufen wie Verkäuferin, Dekorateurin oder Model.

Eine nachkolorierte Aufnahme von 1910 führt ins legendäre Damenkonfektionshaus Maison Zwieback, wo Hauskleider mit Namen wie „Krems“, „Velden“ oder „Brüssel“ im Katalog geführt wurden. Ein Porträtbild aus dem Fotostudio Madame d’Ora zeigt die legendäre Kaufhausbesitzerin Ella Zirner-Zwieback als Lady im weißen Pelz, die eine Stilikone der Epoche war.

Das Etikett „Maison Zwieback“ trägt auch ein toller handgewebter Mantel, eine Leihgabe aus Vancouver. Der kanadische Emigrantensohn Claus Jahnke sammelt seit 35 Jahren Mode aus Österreich und Deutschland. Darunter auch ein sportiver dunkelblauer Zweireiher, in dem heute wohl niemand mehr den Skianzug erkennt.

„Wo liegt der Steffl? Gegenüber vom Rothberger!“, heißt es in einem Wien-Führer aus den 1920er-Jahren. Der berühmteste Herrenkonfektionist dieser Zeit stattete nicht nur Adel und Großbürgertum aus, sondern bot mit seiner Schwemme auch die Okkasion, getragene Anzüge gegen ein Aufgeld in neue umzutauschen. „Es ist unglaublich, dass Rothberger heute niemand mehr kennt“, wundert sich Peterle und verweist auf das enorme Werbebudget des einst in Paris ausgebildeten Schneiders Jacob Rothberger. Derart viel Reklame brachte ihm sogar eine Rüge des Kaiserhauses ein: Ein Hoflieferant dürfe sich nicht gemein machen.

In der Vorstadt florierten die Warenhäuser Dichter und Wodicka. Der US-Komponist Walter Arlen erzählte dem Falter schon 2008 von seiner Ottakringer Jugend, als im Kaufhaus des Großvaters das Grammofon spielte und er als kleiner Bub dazu sang.

All das hatte 1938 ein Ende. Auf einem Foto ist ein Hitler-Altar vor dem Looshaus am Michaelerplatz zu sehen. „Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich“, verkündete ein Plakat am Entree, wo bis zum „Anschluss“ der Sitz des feinen Herrengeschäfts Goldmann & Salatsch war.

Werbeplakate mit lachenden Lederhosenträgern luden ins arisierte „Kaufhaus der Wiener“, nicht ohne den Zusatz „vormals Gerngross“. Die Familie Oppenheim, die von jeher US-Marken wie Gilette im Sortiment hatte, musste sich in Amerika eine neue Existenz aufbauen. Das Textilviertel rund um den Salzgries war zwar ab den 1960er-Jahren wieder beliebt. Die Kaufhäuser, die restituiert wurden, blieben aber nicht mehr lange in jüdischem Besitz, denn es fehlte das Kapital für Investitionen.

Am Portal des Jüdischen Museums in der Dorotheergasse hängt derzeit ein verwittertes Schild mit der Aufschrift „Zalcotex“. Jahrzehntelang hat dieses Hemdengeschäft unterhalb des Kornhäuselturms existiert. Das Schild wurde bei der Schließung 2015 gerade noch aus der Mulde gerettet. Dafür bietet die Schau jetzt ein Videointerview über Zalcotex und den Wandel des Textilviertels.

Jüdisches Museum, bis 19.11.


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