Selbstversuch

Alter ist nur ein soziales Konstrukt


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 21/17 vom 24.05.2017

Note to myself: Wenn man irgendwo hinfliegt, nach Venedig zum Beispiel, nicht das Schweizer Sackmesser in einer der praktischen Innentaschen des Reiserucksacks vergessen, das man vor ein paar Wochen für die mehrtägige Zugreise eingepackt hat. Die Sicherheitsfrau am Flughafen ist überaus freundlich, aber für eine Streberin wie mich, die immer alles richtig machen möchte, ist die Situation selbstverständlich traumatisch.

Alles aufhalten, anderen Fluggästen die Wartezeit vor dem Sicherheitscheck verlängern und möglicherweise ihren Abflug gefährden, den Sicherheitsleuten Arbeit machen, weil man nicht aufgepasst hat. Auch in meinem erhöhten Alter kann einem das immer noch den Nackenmuskel wieder einbetonieren, den Rita im Tiroler Wellnesshotel erst letzte Woche geschmeidig massiert hat, auf eine Weise, die man mit engagiertem Hecheln gerade noch so durchstand.

Apropos Alter. Auf Facebook erfahre ich in den Timelines anderer Leute, dass sie mit "Freunden" konfrontiert sind, die sich über das Alter anderer Menschen lustig machen, speziell über jenes der neuen grünen Spitzenkandidatin, die sich gerade in einen von Jugendwahn dominierten Wahlkampf wagt. He! Das tut man natürlich nicht, ältere Menschen verspotten, das ist Ageismus, das ist böse, Madonna hat es auch schon gesagt. Hört auf Madonna!

In meiner Timeline gibt es dieses Problem nicht, offenbar bewegen sich darin lauter schon so leicht Angegreiste wie ich, und die paar Jüngeren wagen es nicht, frech gegen uns zu werden. So ist es brav. Dennoch passt die Lunacek-Debatte gut in den immerwährenden Sermon dieser Berufsjugendlichenkolumne, in dieses Narrativ der ewigen Adoleszenz, im Sinne einer stur ungebrochenen spätjuvenilen Deppertheit. Muss man sich so einen Scheiß gefallen lassen?

Muss man nicht. Alter ist nichts weiter als ein soziales Konstrukt! Ein strukturelles Ausgrenzungsinstrument des jugendgeilen Schweinesystems! Seid also willkommen, ihr Alternden, Alten und Siechen, die ihr längst alle Karten fürs Rolling-Stones-Konzert habt. Die ihr immer noch kurze Röcke und knallbunte Sneakers tragt, weil: scheißdrauf. Und die ihr euch wie ich beim Bilderbuch-Konzert so lustvoll habt gehen lassen, dass eure Teenager sich mit Würgegesten von euch abwandten und das Weite suchten, so schnell es das Gedränge zuließ. (Stimmt gar nicht, sie waren schon von vornherein ganz woanders, aber.) Es war jedenfalls wunderbar.

Wir machen es übrigens, weil wir es können. Und weil wir es dürfen. Und weil es uns taugt. Und weil wir uns die Freiheit erarbeitet und erlebt haben, uns so würdelos aufzuführen, wie es uns grad behagt, danke schön, passt gut.

Apropos Freiheit: Ich schreibe das in Venedig, im Schatten eines Cafés in der Nähe des Rialto. Es ist Sommer. Ich habe Constantines &Feist im Ohr, Islands in the Stream, that is what we are, so schön. Espresso. Geile kleine Brötchen. Das Leben ist gerade sehr gut zu mir, danke.


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